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Lesen als Kunst der Wieder­erken­nung

Lesen als Kunst der Wiedererkennung

Was sind „schwierige Bücher“ und warum werden sie gelesen?


Identitätskrise im Bücherregal

„Der sieht Literatur eben nicht so wie wir. Der steht auf Fantasy und Science Fiction, hört Metal und hat früher sicher Rollenspiele gespielt.“

Solche Sätze regen jemanden wie mich, dessen Bücherregale sich wie Genrefronten gegenüberstehen, zum Nachdenken an. Denn auch wenn ich nicht den Drang verspüre, mich in ein rostiges Kettenhemd zu zwängen und meine Freunde zu den Klängen von DragonForce mit einer originalgetreuen Gimli-Zwergenaxt durch den Wald zu jagen, so findet sich neben meiner Grundausrüstung-Geisteswissenschaftler-Buchwand auch eine recht umfangreiche und immer noch wachsende Fantasyabteilung. Zu allem Überfluss wird die Trias durch eine Schmökerwand der amerikanischen Postmoderne komplettiert.

Tja – da kann man schon mal die Frage nach seiner Leseridentität stellen. Was denn nun? McDowell, Robert Jordan oder DeLillo? Philosophische Untersuchungen, Der Kampf der Orks oder Infinite Jest? Die furchtbar langweilige Antwort auf diese Frage ist natürlich: Alle. Das sind ja ganz verschiedene Lesebereiche, die unterschiedliche Motivationen und Zielsetzungen haben!

Doch ich glaube, dass es hier mehr zu sagen gibt. Die dem Geisteswissenschaftler in Fleisch und Blut übergangene Intuition, „Trivialliteratur“ mit einem Augenrollen zu begegnen fußt auf einer Grundeinstellung gegenüber dem Lesen: „Einfache“ Alltagsliteratur dient als Entspannung – gemütliche Abende auf der Couch mit Tee, Wolldecke und dem neuen Bestseller des Lieblingsautors, während „schwierige“ Bücher intellektuell stimulieren und dabei kognitiv fordern. Diese Werke werden im Arbeitszimmer mit gezücktem Stift, Fremdwörterbuch und Textmarker bearbeitet. Im Vordergrund steht hier prima facie nicht eine Lustbefriedigung, sondern das schiere Bewältigen des Textes. Diese beiden Lesekategorien haben also verschiedene Geltungsorte, denen sie zugeordnet sind. Seltsamerweise fühle ich mich trotzdem von beiden Arten der Literatur angezogen – und zwar auf ähnliche Weise.

Was sind „schwierige Bücher“?

Doch was macht schwierige Bücher schwierig? Wann ist eine literarische Mammutaufgabe als prätentiöse Schikane enttarnt? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich einen primären Geltungsort deutlicher zu betrachten. Der amerikanische Autor und Dozent für kreatives Schreiben Jonathan Franzen sieht die Universität als einen Ausbildungsort für das Bearbeiten von schwierigen Büchern:

 „One pretty good definition of college is that it´s a place where people are made to read difficult books.” Jonathan Franzen: Mr. Difficult S. 4

Franzen beschreibt in seinem ArtikelMr. Difficult – Gaddis And The Problem of Hard-To-Read-Books sein eigenes ambivalentes Verhältnis zu schwierigen Büchern am Beispiel von Autoren der amerikanischen Postmoderne, die er in seiner eigenen Studienzeit als wütende Systemkritiker idolisierte. Ein Paradebeispiel für schwierige Literatur stellt er im Werk von William Gaddis vor. Gaddis, dem zu Lebzeiten oft die Gunst der Kritiker verwehrt blieb, trendet seit einigen Jahrzehnten wieder. Neben dem Roman JR (die Inspiration der Figur aus der Fernsehserie Dallas) steht vor allem sein komplexes Erstlingswerk The Recognitions hoch im Kurs. The Recognitions stellt tatsächlich so etwas wie eine Blaupause für ein kompliziertes Buch dar. Der Leser sieht sich mit über 900 Seiten dichtestem Text konfrontiert, in dem nicht nur narrativ, sondern auch stilistisch unorthodoxe Wege gegangen werden. So gibt es etwa Dialogstrukturen mit ständig wechselnden Sprechern, die ohne Kennzeichnung,  allein durch den Kontext und den Sprachstil, dechiffriert werden müssen. Im Text tauchen neun verschiedene Sprachen auf und um einigen Segmenten inhaltlich zu folgen sind zumindest Grundkenntnisse der Alchemie gefordert. Franzen vergleicht seine Erfahrung mit dem „Wortsturm“ in The Recognitions mit dem einsamen Besteigen eines Berges:

“I was alone and unprepared on a steep-sided, frigid, airless, poorly mapped mountain. Did I already mention that The Recognitions has nine hundred and fifty-six pages?” Franzen: Mr. Difficult S. 3

Für mich persönlich wirkten The Recognitions teilweise tatsächlich wie eine Sisyphusaufgabe.
Nun stellt sich die Frage: Warum erlegen sich Menschen diese Arbeit überhaupt auf?

Zwei Lesemodelle

Eine Antwort auf diese Frage findet man in der Literaturtheorie. Jonathan Franzen stellt zwei Modelle des Lesens gegenüber, die in ihren Grundlagen die Existenz von trivialer und überanspruchsvoller Literatur erklären.

Auf der einen Seite wird Lesen als eine Art Vertrag zwischen Autor und Leser gesehen. Die intime Verbindung von Werkschaffendem und Konsumenten entsteht, indem der Autor seinen Text direkt auf ein lustvolles Leseerlebnis ausrichtet.  Schreiben ist somit immer ein Balanceakt zwischen dem Selbstausdruck des Autors und der Aufrechterhaltung einer Art von „Kommunikation“ innerhalb einer Gruppe von Lesern mit der obersten Maxime eines zufriedenen Lesers, der sich ganz nach Couchmanier einfach der Geschichte ausliefern kann. Franzen nennt diese Art zu Lesen und Schreiben das „Contract Model“.

„Every writer is first a member of a community of readers, and the deepest purpose of reading and writing fiction is to sustain a sense of connectedness, to resist existential loneliness; and so a novel deserves a reader´s attention only as long as the author sustains the reader´s trust.” Franzen: Mr. Difficult

Auf der anderen Seite ist ein gutes Buch allein nach seinem Anspruch zu beurteilen. Schwierigkeit ist positiv konnotiert. Es geht tatsächlich um das Bewältigen des Textes – das Erklimmen des literarischen Berges – als Meistern der höchsten Ausdrucksart von Kunst. Dass das nicht besonders mainstreamtauglich daherkommt ist per definitionem einleuchtend: Gerade weil ein Großteil der Leser am Werk scheitern, ist es etwas Besonderes. Hat man sich irgendwann doch noch durchgekämpft, hat man etwas Besonderes geleistet und sich einen neuen Status verdient – Franzen nennt diese Sicht auf Literatur deshalb „Status Model“.

Leider klingt das alles schrecklich elitistisch, prätentiös und einfach unsympathisch. Wer möchte sich nach solch einer Definition schon als „Status“-Leser outen? Doch wohl nur Kultursnobs die pseudointellektuelle Masturbation betreiben. Das „Contract-Model“ scheint zumindest noch die Verbindung von Autor und Leser, sowie den nostalgischen Wohlfühlfaktor von packenden Büchern im Blick zu haben.

Warum: William Gaddis?

Franzens erste und wichtigste Regel des Schreibens (Guardian: Ten rules for writing fiction) identifiziert ihn klar als Vertreter des „Contract-Model“:

„1 The reader is a friend, not an adversary, not a spectator.“ Franzen: 10 Rules for writing fiction

Er beschreibt seine eigene Transformation von einem statushungrigen Literaturstudent hin zu einem Autor, der primär um das Wohl des Lesers besorgt ist als Katharsis vom Verlangen der intellektuellen Selbstbefriedigung.  Gaddis´ Werk bildeten für Franzen einst Bezugs- und Identifikationspunkte (soweit, dass der Titel seines Romans The Corrections als Hommage an Gaddis gedeutet werden kann) und sogar echte Tugenderfahrungen:

“By the time I reached the last page of `The recognitions´, I felt readier to face the divorce, deaths, and dislocations that were waiting for me out in the sunlit world. I felt virtuous, as if I´d run three miles, eaten my kale, been to the dentist, filed my tax return, or gone to church.” Franzen: Mr. Difficult S. 4

Doch mit einem zunehmenden persönlichen Reifeprozess meint Franzen Gaddis als prätentiösen Scharlatan enttarnt zu haben. Als einen Autor der seinen Selbstausdruck vor das Verlangen des Lesers stellt (Franzen: „being an asshole, in other words).  Als einen Autor, der literarische Schwierigkeit als Deckmantel dafür benutzt eigentlich nichts Unterhaltsames oder Kluges zu erzählen zu haben. Die Schwierigkeit von Gaddis Büchern signalisiert nicht mehr Exzellenz, sondern macht seine Bücher nur unlesbar:

„Difficult fiction of the kind epitomized by Gaddis seems to me more closely associated with the lower end of the digestive tract. His detractors refer to his `Loghorrhea´, but it´s more accurate to characterize him as retentive-constipated to the point of being unreadable, sometimes even unintelligible.” Franzen: Mr. Difficult S. 11

Mit dieser vernichtenden Konklusion alleingelassen ist man spontan erstmal versucht die literarische Bergsteigtour aufzugeben und sich mit irgendetwas anderem auf die Couch zu fläzen. Doch warum genieße ich (trotz zahlreichen gescheiterten Versuchen) diese Art von „schwieriger“ Literatur so sehr? Bin ich am Ende doch ein verkappter Statusleser? Und was sagt eigentlich Gaddis zu seiner Art zu schreiben?

Warum, William Gaddis?

Franzen wirft William Gaddis eine verklärte und überholte Vorstellung vom Verhältnis zwischen Autor und Werk vor. Er spricht ihm die Meinung zu, dass Kunstschaffende Retterfiguren seien, die eine einzigartige und heilige Arbeit verrichten. Tatsächlich sieht Gaddis den Autor als überflüssiges Element in der Rezeption eines literarischen Werkes:

„What is it they want from the man that they didn´t get from the work. What do they expect? What is there left when he´s done with his work, what´s any artist but the drags of his work, the human shambles that follows it around.“ William Gaddis

Allein zwischen Werk und Rezipient besteht eine Verbindung, die aber trotzdem sehr intim ist. Gaddis verteidigt seinen Hang zu übermäßig langen Dialogstrukturen, indem er auf ein Element verweist, dass bei orthodoxem erklärenden Schreiben in den Hintergrund gedrängt wird – ein lebendiger Text:

„It´s alive, it´s alive whereas expository writing is the writer writing.“ William Gaddis

So propagiert und fordert er einen aktiven Leser und argumentiert, dass gerade durch diese Partizipation ein Erlebnis entsteht, welches die Essenz des Lesens einfängt:

„I do ask something of the reader and many reviewers say I ask too much [. . .] and as I say, it’s not reader-friendly. Though I think it is, and I think the reader gets satisfaction out of participating in, collaborating, if you will, with the writer, so that it ends up being between the reader and the page [. . . .] Why did we invent the printing press? Why do we, why are we literate? Because of the pleasure of being all alone, with a book, is one of the greatest pleasures.“ William Gaddis, nach: Lingan: Gaddis, The Last Protestant

Diese Theorie des Lesens hat nichts mit dem Streben nach Exzellenz oder der Festigung eines Elitenstatus zu tun. William Gaddis erschafft in seinen Büchern eine Metaebene, die seinen Blick auf Kunst narrativ mimetisiert.

Lesen als Kunst der Wiedererkennung

Ein zentrales Thema in The Recognition ist das Verhältnis zu Kunst. Die Handlung folgt Wyatt Gwyon, einem Pastorensohn der über verschlungene Pfade zum Kunstfälscher wird. Die Frage, was es heißt Kunst aktiv zu gestalten und zu genießen verwebt sich zwischen den auftauchenden Charakteren. Hier bietet Gaddis erneut seine Theorie der aktiven Partizipation an und verbindet sie mit einem kreativen Moment:

„Everybody has that feeling when they look at a work of art and it´s right, that sudden familiarity, a sort of… recognition, as though they were creating it themselves, as though it were being created through them while they look at it or listen to it.“ William Gaddis: The Recognitions

Kunst zu rezipieren – und insbesondere zu lesen – ist nach dieser Intuition ein kreativer Vorgang. Gute Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sich der Leser auf eine intime Verbindung mit dem Text einlassen kann. Das kann auf narrativer oder emotionaler Ebene passieren, aber auch kreativer. Die „Schwierigkeit“ eines Buches ist ein Werkzeug um das Gefühl der Wiedererkennung zu verstärken. Wichtig dabei ist aber, dass dieses Gefühl nicht vom Autor erschaffen, sondern vom Leser mit eingebracht wird. Die „harte Arbeit“, die von einem schwierigen Buch abverlangt wird ist, wie Gregory Comnes kommentiert, eine bedeutungsschaffende Tätigkeit, die den Leser aktiv am Text teilhaben lässt. Nach Comnes muss man „lesen, was nie geschrieben wurde“, um an dieser Art von Texten teilhaben zu können.

Im Gegensatz zu den von Franzen vorgestellten Modellen des Lesens wird das Potential des Lesers nicht ignoriert. Schwierige Bücher fordern, manchmal überfordern sie – aber das ist bei allen kreativen Vorgängen der Fall. Ein gutes, forderndes Buch, unter der aus Gaddis entwickelten Epistemologie des Lesens, zu rezipieren heißt, selbst aktiv mitzugestalten. Deshalb ist die Leseerfahrung gerade bei diesen Büchern noch individueller und erinnert stark an die Erfahrungen des eigenen Schreibens. So verschränkt etwa David Foster Wallace, der tief von dieser Idee und von Gaddis beeinflusst war, sein Autorsein sehr stark mit seiner Leseridentität:

„The way I am as a writer comes very much out of what I … want as a reader and what got me off when I was reading. A lot of it has to do with … really stretching myself … really having to think and process and feel in ways I don’t normally feel.“ David Foster Wallace

Sich auf die Herausforderungen eines Textes einzulassen ähnelt stark selbst einen Text zu schreiben – sich immer wieder an ihm zu versuchen. Ein Scheitern sagt nichts über einen prätentiös gedachten intellektuellen Status aus, sondern ist vielmehr die natürliche Folge des Betretens unbekannten Territoriums. Eine solche Theorie des Lesens erklärt nicht nur die Existenz von „schwierigen Büchern“, sondern auch, warum sie abseits des akademischen Betriebs genauso einen Platz im Bücherregal haben, wie das Schmökerbuch für die Couch. Natürlich signalisiert Schwierigkeit nicht immer kreatives Potential – entscheidend ist, ob der Leser diese Momente der „Wiedererkennung“ hat.

Ich werde weiter William Gaddis lesen.

34 Kommentare

  1. „Nach Comnes muss man “lesen, was nie geschrieben wurde”, um an dieser Art von Texten teilhaben zu können.“ Genau das ist es wohl, das Einbringen der eigenen Erfahrung, des eigenen Wissens und – natürlich – auch das intellektuelle Spiel des Erkennens, Verstehens, Erratens

  2. Interessant, den Difficult hatte ich auch vor kurzem besprochen. Bin immer wieder überrascht, welche unterschiedlichen Schwerpunkte Leser bei ihrer Lektüre legen.

    • Almathun hat wirklich eine gute Zusammenfassung des Artikels von Jonathan Franzen auf seinem Blog geliefert (Hier zu finden). Dort wird auch noch einmal deutlich gemacht, dass Franzen „schwierige Bücher“ keinesfalls kategorisch ablehnt, sondern durchaus für eine Auseinandersetzung mit ihnen plädiert – aber eben in bestimmten Grenzen. Die Kritik an Gaddis (insbesondere nach „The Recognitions“) muss sicherlich unter Berücksichtigung seines persönlichen Reifeprozesses als Leser gesehen werden.

  3. Das Kategorisieren von Lesern und Literatur führt zwangsläufig zu einer Wertung. Wahrscheinlich entspringt sie auch dem Bedürfnis, sich abzugrenzen. Dabei geht es dem Leser doch immer darum, unterhalten zu werden. Ich denke, es ist ähnlich wie in der Musik. Auch bei sog. anspruchsvoller Musik geht es doch um das Vergnügen. Wie viel Kopfarbeit man dafür investieren möchte, variiert natürlich je nach Persönlichkeit, Anlass etc.
    Ein sehr interessanter und ausführlicher Artikel. Auch, wenn ich selbst schwierige Bücher nicht auf Englisch lesen würde.

    • Hallo Theresa,
      danke für deinen Kommentar! Der Fokus auf englischsprachige Literatur in diesem Artikel hat sicher auch etwas mit meiner Vorliebe für die amerikanische Postmoderne und deren Erzählstrukturen zu tun.
      Wenn man „schwierige Bücher“ in einer Zweitsprache liest, ist das Frustrationsniveau natürlich viel schneller erreicht – ich habe das selbst gemerkt, als ich von Übersetzungen langsam dazu übergegangen bin, diese riesigen Schmöker in der Originalsprache zu attackieren. Doch auch im deutschsprachigen Bereich gibt es sicher viele potentielle „Projekte“ für Liebhaber fordernder Literatur.

  4. Der Beitrag hat mich innerlich wieder in die Zeit meines Germanistik-Studiums zurückversetzt, schon einmal dafür danke 🙂

    Bei der Einteilung in Literatur und Trivialliteratur (und ich hasse dieses Wort) kommt bei mir immer die Frage auf: Wer bestimmt das? Und warum? Manchmal wird übersehen, dass Bücher im berüchtigten Kanon sind, weil sie ihre Epoche/Strömung am besten repräsentieren. Nicht, weil sie unbedingt gut sind. (Was auch immer jetzt gut ist.)

    Der Wiedererkennungswert, die intime Verbindung mit dem Text ist, denke ich, bei jedem Buch essentiell – egal, ob William Gaddis oder Robert Jordan.

  5. Mir gefällt der Kunst-Leser-Ansatz. Ich selbst habe früher gerne „schwierige Bücher“ von William S. Burroughs, Thomas Pynchon oder zuletzt auch David Foster Wallace gelesen und muss sagen, dass das seinen Reiz hatte, ich aber nun keine Lust mehr auf derart herkulische Unterhaltung habe. Das liegt am Älterwerden und dem damit einhergehenden Zeitmangel bzw. dem Zwang zur Priorisierung. Deshalb sind mir inzwischen weniger experimentelle, zugänglichere und schlankere Romane lieber. Es stimmt schon, dass man sich damit ansport diesen oder jenen Klassiker abgearbeitet zu haben, doch irgendwann kam bei mir der Punkt, wo das keinen Spaß mehr gemacht hat. Das war dann bei Alfed Döblins BERGE MEERE UND GIGANTEN, so einem ausufernden expressionistischem Schinken, der übrigens Science Fiction und Hochliteratur vereint (wie auch Burroughs), da es sich um eine Postapokalypse handelt, den ich (für mein Dissprojekt) nicht fertig, sondern nur quer gelesen habe. Dennoch kann ich nach wie vor den Reiz derartiger Bücher verstehen…

    • Solche Bücher sind dann tatsächlich kleine “Projekte”. Die Motivation diese dann auch wirklich vollständig durchzulesen, stellt sich für mich eben bei diesen kleinen Intuitionen der “Wiedererkennung” ein, wobei selbst das manchmal nicht reicht, um den teilweise erheblichen Zeitaufwand im Alltag unterzukriegen.
      Doch oft passiert es mir dann, dass ich ein paar Jahre später einen weiteren Versuch wage und dann einen ganz neuen und packenden Zugang finde.

      • Ja, da gehört viel Hartnäckigkeit und Ausdauer dazu, um solche „kleinen Projekte“ zu realisieren. Dieser „Zugang“ ist bei mir leider inzwischen verflüchtigt bzw. aus Zeitgründen umgeleitet: Graphic Novels und Comics lassen sich wesentlich ökonomischer konsumieren und rezipieren. Auch in diesen Medien gibt es experimentelle und „schwierige“, so dass mein Bedarf auch dort abgedeckt wird.

  6. Autoren sind auch Leser. Die meisten bekommen erst Lust, selbst etwas zu schreiben, weil Bücher sie inspirieren. Ob man dabei ein Leser ist, der anspruchsvolle oder unterhaltende Literatur mag, ist, wie einige hier schon gesagt haben, Geschmachssache. Allerdings halte ich es für gefährlich, beim Schreiben nicht den Leser im Blick zu haben. Wenn man nur für die eigene Befriedigung schreibt, läuft man Gefahr, sich selbst zu überschätzen.

    • Vielen Dank für den Kommentar!
      Am schönsten ist natürlich, wenn die eigene Inspiration, die man als Autor in sein Werk steckt, von anderen erkannt und geteilt wird.

  7. Interessanter Beitrag!
    Ich muss zugeben, dass ich mich früher noch eher an „Großwerke“ und schwierige Schinken gewagt habe – mir fehlt heute manchmal die Ausdauer dafür. 😉 Wie ein Vorschreiber sagte, bevorzuge ich heute auch eher kürzere Titel. Ich finde die klare Unterscheidung zwischen Trivial- und ernster Literatur oft problematisch. Lese gerne gute Science-Fiction und habe das nie als Lektüre 2.Klasse empfunden…

    • Danke für deinen Kommentar!
      Ich stimme dir zu, dass die Einteilung von Literatur immer nach einer unschönen Hierarchisierung aussieht. Dieser Blick auf Literatur ähnelt dann eben doch dem von Franzen angesprochenen „Statusmodell“, bei dem der Wunsch sich abzugrenzen primäres Motiv ist.
      Wie im Artikel erwähnt habe ich auch eine ehrliche Liebe zu fantastischer Literatur.

  8. ich musste gerade erst mal ganz schrecklich lachen und dann ganz heftig nicken. danke für die so schöne verdeutlichung dessen, was in anderen köpfen auch so stattfindet! Gerade der Punkt des Wiedererkennens hat es mir angetan.Ich ertappe mich oft dabei, wie ich während dem Lesen versuche die Verbindung zum Schreiben zu schaffen. Und wenn ich schreibe denke ich regelmäßig an gelesenes. Der Punkt des Scheiterns spricht mir da voll aus dem Herzen. Liebe Grüße und danke für den Follow, sonst wäre ich wohl auf diesen Blog gar nicht gekommen.

    • Danke für deine Gedanken und das Interesse!
      Ein Buch, nachdem man es eigentlich schon aufgegeben hatte, schlussendlich doch noch fertig zu lesen und dabei vielleicht noch einmal eine ganz neue Perspektive eingenommen zu haben, ist wohl eines der schönsten Leseerlebnisse.

  9. Ich glaube wenn man irgendwas mit Literatur/Germanistik studiert, kommt man um Status-Lesen gar nicht herum. Das war das reinste name-dropping im Hörsaal ;). Und genau dann hat man in seiner kostbaren Freizeit eher mal Lust auf leichtere Lektüre, wo man auch einfach mal abschalten kann.
    Mein persönlicher Berg war James Joyce’s Ulysses (auf deutsch), dass ich übrigens nur gelesen habe, weil mein Lehrer im Deutsch Leistungskurs meinte, er hätte es nie bis zum Ende geschafft!

    • Oh ja, den Ulysses habe ich auch erst im dritten oder vierten Anlauf wirklich fertig gelesen – und ich bin mir sicher, dass ich die Hälfte dabei verpasst habe. Noch schwieriger finde ich Finnegans Wake (an dem ich mich immer mal wieder probiere). Dort entzieht sich Joyce allein sprachlich jeglichem linearen Verstehens. Man denke nur an seine aus mehreren Sprachen zusammengesetzen „Kofferwörter“. Beispiel: bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk (Kofferwort für „Donner“ aus zehn Sprachen geformt).

      Vielen Dank für den Kommentar!

      • „Oh ja, den Ulysses habe ich auch erst im dritten oder vierten Anlauf wirklich fertig gelesen – und ich bin mir sicher, dass ich die Hälfte dabei verpasst habe. Noch schwieriger finde ich Finnegans Wake (an dem ich mich immer mal wieder probiere). Dort entzieht sich Joyce allein sprachlich jeglichem linearen Verstehens.“
        habe äquivalente Erfahrungen mit Joyce, habe seine Bücher aber bis auf Finnegans Wake auch zu Ende gelesen – und empfinde mich durchaus als ein Joycianer. Und zwar aus den Gesichtspunkten heraus, die Du oben geschrieben hast. Das Lesen als eigenständiger, kreativer Prozess, als das Betreten von Neuland. Und im Neuen warten ja nicht automatisch nur angenehme Erfahrungen auf Einen. Der letzte Satz in meinem Post „Der Judenmörder“ ( https://summacumlaudeblog.wordpress.com/2015/08/25/66/ ) ist übrigens aus „Ulysses“ – Stephen hat gerade eine antisemitische Lektion durch seinen Vorgesetzten Mr Deasy erhalten („…she never let them in….“ mit them sind die Juden gemeint und Deasy „erklärt“ Stephen, warum Irland als einziges Land in Europa NICHT Juden verfolgt hat. Sie haben sie halt nie hereingelassen. Zum Totlachen, nicht wahr!) und der so „belehrte“ Stephen geht nun zum Strand. Ineluctable modality of the visible…

        Den Text über Gaddis und das Lesen würde ich gerne in einer mail verlinken und das Verlinken könnte bedeuten, dass Arbeit auf Dich zukommt (smile).

    • Stimmt! Doch auch diese unangenehmen Erfahrungen können sehr faszinieren. Ich habe für einen anderen Artikel „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski angeführt, der mit der strukturellen Aufmachung und Formatierung seines Textes tatsächlich ein Gefühl der Enge – des Verirrtseins – hervorruft. Ein Gefühl welches genau in das Thema des Buches fällt.

      Danke für die Anmerkungen. Über eine Verlinkung würde ich mich natürlich freuen.

  10. Pingback: Tja, wozu ist Poesie nütze? | seelenglimmern

  11. Vielen Dank für Deinen gelungenen Post! Du hast die Definition dessen, was „gute“ Literatur ausmacht, mit Deinem brillianten Artikel auf den Punkt gebracht!

    Über den Moment der „Wiedererkennung“ kann ich nur sagen, dass ich mich mit der auf dem Rücken zappelnde Käfer („Die Verwandlung“) von Kafka doch dann und wann identifizieren kann… Wobei es ehrlich gesagt, mehr bedarf, damit mich ein Buch völlig fesseln kann oder dass ich mich von einem Buch fesseln lasse, wenn man davon ausgeht, dass der Leser selbst diesen Zustand erzeugen soll…
    Oft rauben mir Bücher mit langatmigen Schicksalsgeschichten und verworrenen Beziehungen zuviel von meiner Lebenszeit… Damit ich sie zu Ende lese, müssen sie schon brilliant geschrieben und auch im Kontext ihrer Geschichte überzeugen, wie das ja bei Büchern z,B, von Jonathan Franzen durchaus der Fall sein kann….
    Bei Gaddis oder James Joyce hingegen wird in meinen Augen dem „normalen“ Leser wie mir einfach zuviel abverlangt, als dass das Lesen als ein „Genuß“ wahrgenommen werden könnte… Da das bei Dir anscheinend wirklich der Fall ist, finde ich bewundernswert, kann es aber von meinem pragmatischen Standpunkt aus leider nicht nachvollziehen, lediglich dass man ein befriedigendes Gefühl hat, wenn man solche Bücher „geschafft hat“, leuchtet mir ein.
    „Alles über Sally“ (Arno Geiger) hingegen ist eines der wenigen Bücher, das solche Momente tatsächlich erzeugen konnte…

    So wünsche ich allen intellektuellen und profanen Leseratten viel Spaß und „Momente der Wiedererkennung“ und des „Hineingezogenwerdens“ bei Ihrem nächsten Buch – Herzlichst, Nessy von den happinessygirls

    • Danke für deine Meinung! Auch bei mir ist es nicht immer so, dass ich diese Art von Literatur vertragen kann. Ich genieße es dann doch auch einfach mal ein gutes Buch runterzulesen – ohne Nachschlagen, Markieren und Notieren.

  12. Pingback: Fußnoten in Romanen | postmondän

  13. Hat dies auf makeldermenschheit rebloggt und kommentierte:
    Diese Momente der Wiedererkennung beim Lesen, sind wunderschön. Vor allem lässt sich bei anspruchsvollen Büchern immer schön über die Bedeutung spekulieren und jeder kann für sich etwas daraus mitnehmen 🙂

  14. Warum erlegen sich Menschen diese Arbeit überhaupt auf? Des guten Gefühls wegen – Adrenalin des Leseerfolgs – um es sich selbst (und manchmal auch anderen -Stichwort Status )zu beweisen… der Mensch ist so gestrickt ;O). Wir suchen – wenigstens ab und zu – die Herausforderungen, körperlich wie geistig – warum sonst würde man einen Berg besteigen, einen Marathon laufen … Als Verfasserin von Texten für Leser favorisiere ich allerdings trotzdem das “Contract Model”(weil ich auch keine landläufig „anspruchsvolle Literatur“ schreibe). Wenn ich schon meine, was zu sagen zu haben (warum sonst würde ich öffentlich schreiben?), dann bitte so, dass meine Leser mich auch verstehen (gerne nach etwas „Lesearbeit“ – zu leicht ist ja auch nicht erstrebenswert). Wiedererkennen möglich und erlaubt.. Autoren etc. sind nichts ohne ihre Leser. Sie sollten daher wissen, was ihre Leser von ihnen erwarten und das dann auch bedienen (wenn sie gelesen werden wollen). Das funktioniert nach meinem Dafürhalten mit der schwierigen/anspruchsvollen Literatur ebenso: Der „Ich-kämpf-mich-da-über-Jahre-oder-mehrere-Versuche-durch-Leser“ ist schließlich auch eine Zielgruppe.
    Herzlichen Dank für diesen tollen Artikel – und fürs Folgen ;O). Ich folge ab heute auch.

    • Hallo und danke für deine Meinung und das Lob. Ich denke auch, dass man als Autor fast immer eine Mischung aus den vorgestellten Modellen anstrebt. Wie du ganz richtig sagst – (fast) jeder Autor schreibt für einen Leser und bedient damit bestimmte Vorlieben.

  15. Pingback: Vom Nichts Schreiben und Alles Sagen | postmondän

  16. „Leider klingt das alles schrecklich elitistisch, prätentiös und einfach unsympathisch. Wer möchte sich nach solch einer Definition schon als “Status”-Leser outen? Doch wohl nur Kultursnobs die pseudointellektuelle Masturbation betreiben.“
    Das beschreibt unglaublich treffend das Gefühl, dass ich oft während des Lesens schwieriger Texte im Zuge des Studiums hatte. Jetzt, wo ich nicht mehr studiere, stelle ich jedoch fest, dass ich dennoch nicht nur „Trivialliteratur“ lesen möchte – und konnte mir die Gründe nicht so recht erklären.
    Deshalb ein großes Dankeschön für diesen interessanten Artikel! Hat mich zum Nachdenken angeregt.

    P.S. über das Thema Trivialliteratur bzw E- und U-Musik hab ich bereits als Schüler mit meiner Deutschlehrerin bzw meinem Musiklehrer gestritten – und beide konnten mir weder folgen noch etwas halbwegs brauchbares dazu sagen. Insofern hast Du also ein lange andauerndes Leiden von mir beendet 😀

    Schade, dass viele Begrifflichkeiten Konsens sind und daher erhalten bleiben, selbst wenn sie nicht zwingend treffend oder sonstwie befriedigend sind.

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