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Axolotl Overkill – Hegemann ist nicht Godard

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Helene Hegemann bringt die Geschichte ihres Debütromans Axolotl Roadkill fünf Jahre nach dessen Erscheinen auf die Leinwand, weil sie sich von der Kritik missverstanden fühlt. Doch wie genau möchte sie denn eigentlich verstanden werden? Ein Blick in die Filmgeschichte klärt uns auf.


Von jugendlichen Literatursternchen und nachträglich eingefügten Quellenverzeichnissen

Im Jahre 2010 konnte man am Fall Hegemann sehr schön erkennen, wie sehr sich die deutsche Literaturszene nach Andersartigkeit sehnt. Hegemann, damals 17 Jahre alt, hatte mit Axolotl Roadkill einen Debütroman veröffentlicht, der vom damals leicht altersmüffelnden Schwamm des deutschen Feuilletons geradezu aufgesogen wurde. Endlich mal unangepasste Anti-Walser-Literatur, die den Zeitgeist trifft! So richtig mit Berlin, Drogen, Techno, minderjährigem Sex und Schimpfwörtern. Und noch viel toller: Die Autorin ist die Tocher von Carl Hegemann, ehemals Dramaturg an der Volksbühne – also authentisch coole Berliner Kulturroyalität, voll Boheme. In Zeiten des Autorenmarketing quasi sowas wie ein feuchter Traum für jeden Publikumsverlag, weil: Öffentlichkeitswirksamkeit fast garantiert.

Das Buch selbst wurde nach anfänglich verhaltenen Reaktionen erst einige Monate später wieder zur Schlagzeile, als plötzlich überall zu lesen war: PLAGIATSALARM! Hegemann soll Teile ihres Textes bei einem bekannten Blogger abgeschrieben haben. Was folgte, war eine langwierige Debatte über Plagiat versus Intertextualität wo am Ende wohl irgendwie rausgekommen ist: „Im Internetzeitalter macht man das halt so, mit Copy-Paste.“ (vgl. Rainer Moritz). Der Ullstein Verlag fügte dem Buch jedenfalls nachträglich einfach ein Quellenverzeichnis hinzu.

Über die ganze Debatte um Gegenwartskunst und ihre Entstehungsweise hatte man den Text an sich als zweitrangig abgestempelt, am Ende war’s eben ein teilweise abgekupfter Coming-of-Age-Roman. Doch genau dieses Urteil wurmt natürlich jede Künstler*in, die sich als solche sieht und auch gesehen werden möchte.

Axolotl Overkill – Über Chaos und Nonkonformismus

Was machst du als Autor, wenn dich eine Geschichte nicht los lässt, sie aber als Buch schon in eine bestimmte Schublade gesteckt wurde? Du wechselst das Medium.

Aber halt: Eigentlich besinnt sich Hegemann auf ihre Anfänge, denn sie hatte bereits 2008 ein selbstgeschriebenes Drehbuch über die Bundeskulturstiftung realisiert und dabei selbst Regie geführt. Auch bei Axolotl Roadkill  übernimmt Hegemann diese goldene Personalunion und beginnt ab 2015 an dem Projekt zu arbeiten. 2017 premierte der Film schließlich beim renommierten Sundance Festival und infolgedessen erscheinen auch einige Äußerungen Hegemanns, warum sie ihr Buch denn jetzt eigentlich nochmals verfilmt hat. Ihre Antwort lautet, dass sie mit Axolotl Overkill das Portrait einer selbstbestimmten Nonkonformistin zeichnen wollte und sie diese ganze „faule Rezeption als Coming-of-Age-Roman“ schrecklich gestört hätte.

Warum wurde Hegemanns Geschichte denn nun überhaupt so aufgefasst? Nunja, das könnte daran liegen, dass die jugendliche Protagonistin, Mifti, sich ziemlich genau so verhält, wie sich viele 16-jährige Mädchen gerne verhalten würden, wenn sie denn könnten: Sie schert sich einen Dreck um jegliche von außen geforderten Standards und Vorstellungen davon, wie  jugendliche Mädchen sich zu verhalten haben. Mifti schwänzt die Schule, raucht wie ein Schlot, liefert sich Schimpftiradengefechte mit ihrer Schwester, die viel mehr Mitbewohnerin als Autoritätsfigur ist und nachts geht’s in die Berliner Technoclubs mit einer Menge Drogen, Sex und beliebig anderer Eskalation. Auf ihrer Suche nach Anschluss(?) mäandert sie durch Chaos und stößt dabei ab und zu mal auf Figuren, die als adäquat gleichwertig abgefuckt erachtet oder die ihre biografisch bedingten Komplexe bedienen. Die Filmsprache von Axolotl Overkill folgt diesem Muster. Episoden tragischer Vereinsamung wechseln sich mit übersteigerten Exzessen und generellen Absurditäten ab, alles im gemächlichen Trott der Boheme.

Novelle Vague auf deutsch

Dass sich Hegemann Hegemann mt genau dieser Boheme-Tradition auch als Künstlerin identifiziert, erkennt man spätestens an ihrer eigenen Charakterisierung der Protagonistin:

„MIFTI ist 16 und ein Mädchen, das sich bewusst gegen gesellschaftliche Standards wehrt. Sie ist nicht devot, sondern der unmoralische, tragikomische Trottel, den in Filmen eigentlich immer nur Männer spielen dürfen.“

Aha! Das war also dieses unterschwellige Gefühl der Bekanntheit im Kinosaal. Hegemann denkt an Nouvelle Vague. An Godard. An Filme wie Pierrot Le Fou, in dem sich der Protagonist auf eine wilde Abenteuerreise begibt und dabei gesellschaftliche Limitierungen hinter sich lässt.

Der Kampf des Individuums gegen ein zugewiesene Rolle im weichgewaschenen Wir-Gefühl des Gesellschaftskomplex. Die filmische Auflehnung gegen erzählerische Konvention. Die bildhafte Absurdität. Gibt’s alles in Axolotl Overkill, und mehr noch: Die homogen patriacharische Vereinnahmung klassischer Tropen wird durchbrochen. Warum wird der Film von der Kritik oft trotzdem noch als Coming-of-Age Film „missverstanden“? Hegemanns Film fehlen entscheidende Erfolgszutaten, die etwa bei Godard präsent waren: Man vermisst diese französische Leichtigkeit, diese unaufdringliche Eleganz des Irrationalen, diese subversive Poesie. Sitzt man bei Axolotl Overkill im Kino, so wird einem der Nonkonformismus in jeder Szene nur so ins Gesicht gedrückt. Genauso, wie das eben Teenager in ihren rebellischen Phasen machen würden. Aber naja, wie Helene Hegemann schon ganz richtig erkannt hat:

„Es gibt noch etwas anderes, als im System zu funktionieren.
Für Teenager. Und für Filmemacher.“


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Axolotl Overkill

Kinostart Deutschland 29.06.2017

Regie und Drehbuch: Helene Hegemann

Kamera: Manuel Dacosse

Schauspieler u.a.: Jasna Fritzi Bauer, Araceli Jover, Laura Tonke, Mavie Hörbinger

 


Beitragsbild: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün

Filmposter: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH

8 Kommentare

    • Auf die Frage weiß Jens Balzer auf Zeit Online eine Antwort:

      „Gegen Ende des Films gibt es dafür noch eine sehr schöne Szene, in der Mifti am hellichten Tag Besuch von einem Pinguin bekommt, und gegen Filme mit Pinguinen lässt sich grundsätzlich nichts sagen, das verbindet Axolotl Overkill zum Beispiel mit Happy Feet, Madagascar und Bauzi, der Pinguin aus der Antarktis.“

  1. Joa, war absehbar. Sehe mir den Film trotzdem gern an. Nach „Tiger Girl“ ist der Hunger nach spielerisch-derbem Nonkonformismus definitiv geweckt.
    Finde es auch recht schwierig, Hegemann mit Godard zu konfrontieren, weil der ganze philosophische Subtext bei Hegemann von Beginn an gar nicht da ist. Beide gehen einen strukturell vergleichbaren Weg, nur eben auf verschiedene Weise. Nonkonformismus und, idealerweise ja, Subversion kommt in so vielen Gestalten. Hauptsache erstmal, sie existiert.

    • Der Vergleich mit Godard ist mir tatsächlich auch eher in den Sinn gekommen, weil ich dort im Kino saß und dachte: „Mir fehlt hier irgend etwas.“ Ich fand den Film in seiner Ungradlinigkeit viel zu monoton. Ich hatte das Gefühl, genau so durch den Film zu schweben, wie Mifti durch ihre skurrile Welt. Wenn Hegemann dann so etwas sagt wie: „Ich wollte einen selbstbestimmten Menschen darstellen.“, dann denke ich eher an Pierrot als an Mifti.

      Berichte gern mal deinen Eindruck, wenn du dir den Film angesehen hast!

      • Habe mir den Film angesehen und hatte meinen Spaß. Verstehe aber auch, warum du an Godard dachtest. Für mich wirkte die Ziellosigkeit aber mehr wie schiere Verlorenheit als wie irgendeine gewitzt-intellektuelle Pose (wie sie Pierrot in all seiner Randomness nichtsdestotrotz zielsicher verkörpert). Fand es auch schwer, in diesem Film einen greifbaren, konsequenten Subtext auszumachen. Das Ding war irgendwie zusammengeramscht, inkonsequent, ohne das wiederum zu irgendeinem Programm zu formen. Keine Ultrakunst, aber geil. Auf jeden Fall der richtige Wind fürs deutsche Kino.

  2. Auf dem grauen T-Shirt von Miffti steht ein Wort: надрыв (nadryw) ist die russische Vokabel für emotionale Spannung schlechthin. Sie ist ein Schlüsselbegriff zum Werk des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

    Das ist eine ziemlich hohe Latte. Mal sehen, ob der Film die erreicht. Aber vielleicht beschreibt das Wort auch gut die Spannung, in der die Protagonistin sich befindet.

    • Sehr gutes Auge, spannend! 🙂 Ich bin sicher, dass Hegemann einige solcher Querverweise eingebaut hat. Mifti ist aber auch definitiv emotional gespannt – vielleicht sogar überspannt.

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