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14 Facetten – Das Kinderbuch-Special

Was es zwischen 100 Märchen und 1001 Büchern zu entdecken und übersehen gibt, kann ein kleiner Rundblick in die Kinderbuchlandschaft beleuchten. Da sind Bücher über Bücher, die Kinder ruhigstellen, übers Blaumachen, akute Lerngefahren, das Wunder Geduld, Frösche, Bären, Katzen, Fische, Füchse, Mäuse, Hunde, Mikroben – und Bücher, die Kinder so abholen, wie sie sind: verrückt. Im Folgenden seien 14 Bücher vorgestellt – 13 Kinderbücher und 1 Meta-Kinderbuch. Fangen wir doch mit Letzterem an:


Auf die Plätze … fertig … Lies!

Julia Eccleshare (Hrsg.) – 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor Du erwachsen bist!

Nach „1001 Filme, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Bücher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Alben, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Gemälde, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Weine, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Zitate, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Löcher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ u. a. wird die Kunstdruckschraube noch fester zugedreht, denn hier sind sie: die „1001 Kinder- und Jugendbücher“, welche verschlungen werden wollen, bevor das echte Leben (Kindheit, Jugend) vorbei ist und das Pseudo-Leben (Studium, Arbeit) beginnt. Für die meisten von uns dürfte der Zug ein bisschen abgefahren sein, für einige jedoch besteht noch Hoffnung. Ja, die Aufforderung ist erneut alles andere als nah am Realismus gebaut, denn außer Kunstrezeption muss der (heranwachsende) Mensch jede Menge Zeit dem Essen, Schlafen, Chatroulette und diversen WC-Besuchen widmen. Aber wahr ist: Nie mehr wird man so viel Zeit haben für Lesen und Bildung wie in der Kindheit und Jugend. Also, ran an das gute Buchfleisch, und los geht’s mit zahlreichen Entdeckungen.

Wie auch die anderen Titel aus der vom Londoner Verlagshaus „Quintessence Editions“ initiierten 1001-Reihe wartet dieses nach Lesealter und Erscheinungsdatum geordnete Empfehlungs- und Nachschlagewerk mit einer erstklassigen Aufmachung und viel Inhalt auf. Man entdeckt zahlreiche Titel, die man dort vermutet hat (Dr. Seuss, J. K. Rowling), natürlich die eine oder andere Überschneidung mit dem Weltliteraturkanon (Defoe, Twain, Kipling, Quinoa, Haddon) – wenn man also alle 1001 Bücher aus „1001 Bücher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ gelesen hat, dann muss man hier nur noch etwa 930 nachholen –, aber auch (Nahezu-)Geheimtipps, was zu den großen Stärken dieser Reihe gehört. Denn bei „1001 …“ wird zum Glück nicht nur das Offensichtliche abgedeckt, sondern auch ein Profi-Auge auf das mehr oder minder Obskure geworfen. Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, bei der nächsten Gelegenheit (also wahrscheinlich nie) folgende Autoren abzuchecken: Andy Griffiths, Anne Fine, Barbara Euphan Todd, David McKee, David Wiesner, John Burningham, Judith Kerr, Jutta Richter, Madeleine L’Engle, Mo Willems, Paul Jennings, Petra Mathers, Raymond Briggs, Spike Milligan, Walter Benjamin, Werner Holzwarth.

Was mir persönlich fehlt, sind ein paar mehr Empfehlungen aus östlicheren Ländern wie etwa Russland. Russland hat ja nicht nur bizarre Präsidenten und mit unmöglich starken Akzenten sprechende Filmschurken, sondern auch Kinderbuchklassiker (Marschak, Uspenski, Oster) zu bieten, die das vorliegende Werk sicher aufgewertet hätten. Aber wie dem auch sei – dies hier ist ein sehr lobenswerter Schinken für Eltern, Kinder und Jugendliche mit Qualitätsbewusstsein und Carpe-diem-Ambitionen – aber bitte nicht aufs Schulbrot.

„1001 Kinder- und Jugendbücher“ erschien 2010 bei Edition Olms

Professione: Ascensore

Kätlin Vainola und Ulla Saar: „Lift“

Der Lift ist „sehr glücklich“, heißt es gleich zu Beginn, denn er macht das, was er am besten kann: Hausbewohner befördern. Der als Gastgeber fungierende Aufzug macht den Leser nach und nach mit den unterschiedlichen, recht schrägen Charakteren bekannt.

Zunächst wäre da Frau Oktopus, die in ihrem Swimmingpool lässig „H2O“ schlürft, wenn sie nicht gerade dabei ist, mit ihrer Wäsche auf dem Dach abzuhängen. Im zweiten Stock residieren zwei dauerkichernde Eichhörnchen, denen gemeinsames Nüsseschmeißen am meisten Spaß bereitet. Herr Giraffe aus dem dritten Stock ist sehr schüchtern und verschämt ob seines langen Halses. Für den Lift rollt er den immer höflichst ein, draußen muss er ihn aber wieder aufknoten, weil er als Stadtgärtner beruflich mit Bäumen zu tun hat. Im vierten Stock wohnt Känguru, der im Wald Langstreckenlauf trainiert. Warum er dabei Boxhandschuhe anhat, weiß vielleicht nicht einmal er selbst. Der Igel aus dem fünften Stockwerk trägt nicht nur ein schickes „Igel sind spitze!“-Shirt, sondern ist auch sonst ein völliger Hipster. Sein Beruf ist Reporter, aber seine Leidenschaft gilt eindeutig der Rockmusik, weshalb man ihn nie ohne Kopfhörer und Luftgitarre antreffen wird. Im sechsten Stock schließlich haust ein Turteltäubchenpärchen: Herr Taube ist als Brieftaube tätig, während Frau Taube sich täglich in vertrauter Lästerrunde zu Kaffeekränzchen einfindet.

Nach einem dermaßen erfüllten und nicht unanstrengenden Tag voller Passagiere hat sich der Lift natürlich ein kleines Nickerchen verdient und legt sich schlummern.

Dieses zugleich wunderbar unaufgeregte wie originelle Büchlein zeigt wieder einmal eindrucksvoll, welche Kunst und Kreativität aus Estland und vergleichbaren „Geheimtipp-Ländern“ kommt. Richtung Osten muss unbedingt weitergeforscht werden.

„Lift“ erschien 2015 bei Willegoos.

Alles (bzw. nix) für die Katz

Emily Gravett – Mathildas Katze

Das Besondere an dieser warmherzig gezeichneten und erzählten Geschichte ist, dass sie den kleinen Leser ein bisschen in die Irre führt. Erst heißt es: „Mathildas Katze mag mit Wolle spielen.“ Aber auf der nächsten Seite ist „mit Wolle spielen“ durchgestrichen, und stattdessen steht „Kisten“. Aber auf der nächsten Seite ist „Kisten“ durchgestrichen, und stattdessen steht „Dreirad fahren!“, und so weiter. Bald regt sich ein Verdacht: Was, wenn Mathildas Katze nichts von alledem mag, zumal sie auf den Bildern von ihren angeblichen Lieblingsbeschäftigungen (verrückte Hüte und Kaffeekränzchen könnten ihr ebenfalls, scheint es, egaler kaum sein) geradezu angewidert wegläuft wie der Vampir (Klaus Kinski) von Vin Helsing (Werner Herzog)? Tatsächlich stellt sich am Ende heraus, dass Mathilda, ihrerseits stets in einem Katzenkostüm unterwegs, das Einzige ist, was Mathildas Katze wirklich mag.

„Mathildas Katze“ erschien 2014 bei FISCHER Sauerländer.

Wenn’s um Buch geht … Nachbar

Koen Van Biesen – „Mein Nachbar liest ein Buch“

Das Mädchen nebenan spielt Basketball, singt, trommelt, boxt – und treibt damit den feinen Nachbarn, der es nicht recht schaffen kann, sich seinem Buch zu widmen, in den Wahnsinn. Immer wieder steht der Nachbar auf und klopft an die Wohnungstür des Störenfrieds, um das Hauptmotto der Geschichte durchzusetzen: „Pssssst! Der Nachbar liest. Der Nachbar liest ein Buch.“ Bis die Konzentration irgendwann hin ist. Also ändert er seine Taktik und schenkt dem Mädchen ein Buch. Als sie es auspackt, ist endlich Ruhe eingekehrt und der Nachbar kann sich in seine Lektüre vertiefen. Bis Nachbars illiterater Hund zu bellen anfängt.

Eine vor allem grafisch ausgezeichnete Geschichte, die mit ihrem individuellen Zeichenstil den Kindern eine wichtige Lektion beibringt – nämlich dass Lesen nicht zum Uncoolsten gehört, was man in seiner Freizeit machen kann. Und wenn selbst irgendein blöder Nachbar so auf Bücher abfährt, dann sollte das doch für dich gar kein Problem sein, Kleine(r)!

Eine Besonderheit hat das Buch noch in Form der beiliegenden CD zu bieten, auf der sich eine verspielt-jazzige Hörspiel-Interpretation der Geschichte findet, komponiert und eingespielt von Autor plus Band.

„Mein Nachbar liest ein Buch“ erschien 2014 bei mixtvision.

Sei kein Frosch-, sondern Märchenking

Daniela Drescher (Ill.) – Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm

Wer kennt sie nicht: „Der Froschkönig“, „Der gestiefelte Kater“, „Dornröschen“, „Fando y Lis“, „Jorinde und Joringel“ … was bitte? Das kennt sogar die Uroma nicht. Und selbst, wenn dem Kind schon einige davon bekannt sind, steht einem Lese- und Guckvergnügen nichts im Wege. Aus den Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ wurden viele berühmte und einige obskure Texte ausgewählt und mit den wunderbar farbenfrohen, nicht selten zauberhaften Illustrationen von Daniela Drescher versehen. Ihre im besten Sinne des Wortes altmodisch-seelenvollen Bilder stellen ein wertvolles, vor allem vom Nachwuchs vielleicht nicht bewusst, aber umso dringender gebrauchtes „Gegengewicht zu dem Nüchternen, Hektischen unserer heutigen Zeit“ (Vita der Künstlerin) dar. Einige sind sogar ziemlich düster und ein wenig gruselig (etwa bei „Der Gevatter Tod“), was aber mit der grundsätzlichen Affinität so mancher Märchentexte zu Grausamkeit und Groteske übereinstimmt und bei Kindern einen nachhaltigen, hoffentlich reparablen Eindruck hinterlassen dürfte.

Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass es sich hier primär um ein Text- und kein Bilderbuch handelt, sodass es mehr etwas für fortgeschrittene Leser ist.

„Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm“ erschien 2016 bei Urachhaus.

Rex regi piscis

Imapla – Der König der Meere

Der König der Meere muss, wie sich bald in diesem hübschen, aber doch sehr schnell ausgelesenen Pappbilderbuch der spanischen Kinderbuchautorin Inma Pla (= Imapla) herausstellt, seinen Titel gegen den bereits hinter der nächsten Koralle auflauernden Gegner verteidigen. Erst ist es ein Fischchen, das ein offenbar viel zu harmloses „Blubb Blubb“ von sich gibt. Das war leider etwas unambitioniert bis grob fahrlässig, denn ein Räuber stößt den König mittels Auffressen von der Pole-Position, wobei er peinlich darauf bedacht ist, die Krone nicht mitzuvertilgen. Doch dann tappt er in dieselbe Blubb-Blubb-Hybrisfalle wie sein als ex-königliche FIFU (Fisch-im-Fisch-Untermenge) vorliegender Vorgänger und wird mit einem beherzten „Happs“ von einem noch größeren Fisch absorbiert. Was danach passiert, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, nur so viel sei gesagt: Die nette Pointe hat etwas mit fraktalem Crowdfunding zu tun, womit selbst der sich als unbezwingbar gerierende Riesenfisch nicht gerechnet hat.

„Der König der Meere“ erschien 2016 bei FISCHER Sauerländer.

Ausgeganst

Sebastian Loth – Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte

Passend zur WHO-Verkündung von Fleischlechtigkeit will Jakob, der kleinste Fuchs im Wald, nimmer Gansivore sein und Gänsemarmelade mampfen, wie es von seinesgleichen erwartet wird, denn „er hatte im Sommer mit der kleinen Gans aus dem nahegelegenen Gemüsebeet Fangen gespielt und ihr dabei aus Versehen leicht in den Hintern gebissen. Das hatte ganz zäh und trocken und pelzig auf der Zunge geschmeckt.“ Also macht er sich auf die Suche nach vegetarischen/veganen Alternativen: An den Mirabellenkernen beißt er sich dabei allerdings fast die Beißerchen aus, und statt in den Genuss von Him- und Brombeeren zu kommen, kommt ein Bär beinahe in den Genuss von Jakob. Doch schließlich verrät ihm ein Schmetterling den Geheimtipp schlechthin, nämlich Blümchen, genauer: Gänseblümchen.

Sebastian Loths Geschichte überzeugt mit charmantem Witz und skurrilen, kontrastreichen Zeichnungen, die nicht nur (Kleinst-)Kinderaugen zum Leuchten, Gebanntsein und Grinsen bringen. Und zum Schluss gilt es sogar, ein Rezept für einen Gänseblümchen-Brotaufstrich nachzubauen.

„Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte“ erschien 2015 bei Lappan.

So ein Unsens aber auch

Grigorij Oster – Petka, die Mikrobe

Weil Kinder, insbesondere Kleinkinder, von Natur aus verrückt sind, sollten sie auch unbedingt verrücktes Nonsinnszeug zu lesen bekommen – wie beispielsweise Grigorij Osters vorliegendes Werk. Hier berichtet der kultige Kinderautor aus Grusel-Russland von den vielen kleinen Abenteuern, welche Peter (bzw. Pet(ь)ka), eine schlau-freche Mikrobe mit Brille, unternimmt. Da Osters Humor gut angeschrägt und reichlich albern daherkommt, gibt es unter anderem eine Jagd nach einem bissigen Elementarteilchen namens „Babytron“ sowie wissenschaftliche Diskussionen mit Anginchen, die – Halsschmerz lässt grüßen! – bemerkenswerterweise im „dritten Eisbecher“ residiert. Petkas Tante ist beim Militär und trägt eine entsprechende Uniform. Das ist natürlich kompletter Unfug, weil Mikroben keine Militärlaufbahn anstreben können. Und Petkas Onkel ist gar ein überzeugter Mutant, der nicht aufhören kann, seine Form und Frisur zu ändern, von dem Stirnbart ganz zu schweigen. So ein Quatsch.

Nur an einer Stelle wird es ansatzweise sinnvoll, als nämlich die Pendelfähigkeit von Petkas großem Bruder, der in der (Sauer-)Milchfabrik arbeitet – Petka hingegen ist mehr der „Kefir guy“ – und täglich mit dem Bus dorthin fahren muss, angezweifelt wird. Wie zum Kuckuck soll denn so ein kleiner Mann überhaupt so eine riesige Fahrkarte dem Kontrolleur vorzeigen können? Aber dann ist doch alles nicht so wild und man legt gemeinsam fest, dass das Erkennen des Fahrkartenbesitzers mit bloßem Auge zweitrangig ist, solange die Fahrkarte selbst anständig dimensioniert ist. Dennoch: was ein Blödsinn!

Alexander Strohmaiers Illustrationen von Anginchen mit Wintermütze oder fieszahnigen Babytrons sind übrigens nicht nur schön bunt, sondern teilweise auch picassomäßig, was sehr ansprechend ist. Dieses Buch ist ebenfalls wunderbar für bescheuerte Erwachsene geeignet, die nicht zu viel Wert auf den sogenannten „Ernst des Lebens“ legen. Wie ernst kann schon Leben sein, wenn es Mikroben namens Petka gibt?

„Petka, die Mikrobe“ erschien 2011 bei Edition Liaunigg.

Wenn’s um Buch geht … Bären

Peter Carnavas – Oliver, Bär und das Buch

Oliver möchte mit seinem bebrillten Kumpel Bär spielen, aber Kumpel Bär ist vollkommen in ein Buch vertieft. Oliver fängt an, sich zu langweilen, und nervt Bär mit Papierflugzeugen, macht seinen Stuhl kaputt und kippt sogar klebrigen Brei auf seinen Kopf. Aber Bär bleibt tiefenentspannt und liest unbekümmert weiter. Erst als Oliver dem Bären sein Buch aus den Pfoten schnappt, dreht dieser durch. Aber nur kurz, denn die beiden Freunde versöhnen sich schnell – und nun ist Oliver (SPOILER ALERT!) derjenige, der die Augen nicht vom Buch loskriegt.

Eine etwas unspektakuläre, aber pädagogisch wertvolle Geschichte, die den Kindern eine wichtige Lektion beibringt – nämlich dass Bücher „bärenstark“ sein können. Und wenn selbst ein Bär, der normalerweise mehr an Honig- denn Buchstabenlese interessiert ist, so auf Bücher abfährt, dann sollte das doch für dich gar kein Problem sein, Kleine(r)!

„Oliver, Bär und das Buch“ erschien 2015 bei Lappan.

Das Wunder Geduld

Julie Fogliano und Erin E. Stead Und dann ist Frühling!

Hier wird Melancholie großgeschrieben: Ein Junge und sein Hund beobachten das gräuliche Braun des Herbstes und Winters. Samenkörner werden ausgesät, aber noch sieht es nicht unbedingt nach viel aus. Obgleich sich allmählich ein „hoffnungsvolles, vielversprechendes Braun“ herauskristallisiert. Doch Voreile ist hier fehl am Platz, denn glaubt man ein Grün auszumachen, so muss man doch bald enttäuscht feststellen, dass es eher ein „‚Nein, einfach nur Braun’-Braun“ ist. Zur Sicherheit stellt man ein Schild auf: „Bitte nicht herumtrampeln: Hier gibt es Samenkörner, die sich gerade versuchen.“ Es passiert immer noch nichts. Man fängt an, sich Sorgen zu machen. Ob die Natur je wiederkommt? Dann ist wieder Schnee. Und Regen. Und dann, eines unverhofften Tages, ist plötzlich … alles grün!

Eine ehrliche und herzliche Geschichte in warmen Tönen, die auch Erwachsene zu berühren weiß.

„Und dann ist Frühling!“ erschien 2015 bei FISCHER Sauerländer

Une Couleur: Bleu

Ann Cathrin Raab – Lenni mag Blau

Warum sind Tiere eigentlich immer so verdammt putzig und süß? Vielleicht, weil sie weniger können als wir Menschen. Doch das, was sie können, können sie richtig gut – zum Beispiel putzig und süß sein. Sie ziehen halt ihr Ding voll durch.

Wenn Lenni ein Mensch wäre, dann würde man ihn aufgrund seiner Fixation sicher irgendwo auf dem autistischen Spektrum wiederfinden. Doch zum Glück ist Lenni ein kleiner Mäuserich und als solcher in erster Linie niedlich. Es ist nämlich nicht Ferris, der blau macht, sondern Lenni, der Blau mag. Das cyanophile Mäuschen lebt in einer minimalistsichen Farbfleckenwelt, die ein wenig an das feine Design des Indie-Games „Blueberry Garden“ erinnert, und steht mächtig auf die Farbe Lila … Blau. Aber genug der gschupften Filmverweise – worum gehts in Ann Cathrin Raabs wunderschönem Bilderbuch für die ganz Kleinen eigentlich? Wie bereits angedeutet, fühlt sich Lenni durch jene Farbe mit einer Wellenlänge zwischen 400 und 500 Nanometern ästhetisch zutiefst angesprochen. Zugegeben, Blau ist richtig schick. Daher macht Lenni erst seinen Zaun blau, dann den Baum, auch Wolken – eigentlich macht Lenni auf seine Weise doch ganz schön blau. Irgendwann ist alles komplett blau in blau. Ist der kleine Eigenbläudler nun im Paradies angelangt? Leider nö, wie er bald ziemlich blue aus der Wäsche schauen muss. Denn Blau kann nur dann seine Lieblingsfarbe sein, wenn auch andere Farben das Universum bereisen und durch ihre Nichtblauität dem Blau seine ganze B(l)e(u)sonderheit verleihen. Ansonsten findet nämlich Ennui statt. Wieder was gelernt.

„Lenni mag Blau“ erschien 2010 im Thienemann Verlag

Vorsicht: Akute Lerngefahr!

Susanne Riha Tiere entdecken in ihren Verstecken

Dieses lehrreiche Buch über die Lebens- und Arbeitsweise verschiedener Waldtiere ist für etwas ältere Kinder, aber auch jüngere Erwachsene: Zum ersten Mal lernt man als zoologisch ungebildeter Rezensent vom Schwalbenschwanz und der Haselmaus, die besonders gerne Brombeeren und Haselnüsse frisst. Und dass der Maulwurf sich von Engerlingen ernährt. Und und und. Das Besondere sind auch die aufklappbaren Halbseiten, die unter die Erdoberfläche oder hinter eine Baumrinde blicken lassen, um so auch unsichtbare Vorgänge oder Lebensräume (Wildkaninchens Setzhöhle etwa) zu veranschaulichen. Detaillierte und farbenfrohe Zeichnungen begleiten das Kennen- und Schätzenlernen des jeweiligen Tieres und seiner wunderbar putzigen Eigenheiten. Der Schwanz des Bibers heißt „Kelle“.

„Tiere entdecken in ihren Verstecken“ erschien 2015 im Verlag Annette Betz.

Bärissimo

Sophy Henn – Ein Platz für Bär

Ein kleiner Weißbär lebt bei einem Jungen und tut, was getan werden muss, nämlich größer und größer (und größer) werden. Unausweichliche Folge: Eines Tages ist der Bär „einfach zu groß und zu bärig geworden“ – und der Junge will für seinen Freund ein entsprechend bärenmäßiges neues Zuhause finden. Doch weder Spielzeuggeschäft noch Zoo kommt in Frage, weder Zirkus noch Wald, weder Dschungel noch Kühlschrank … doch! Der Kühlschrank, genauer: die Arktis, stellt sich als genau das Richtige für den weißen Riesen heraus. Dort fühlt sich der Bär gleich heimisch, gründet eine Familie und wird glücklich. Doch der Kontakt zwischen den beiden bricht nie ab, denn wozu gibt es telefonbeschichtete Bratpfannen?

Eine humorvoll ge(kenn)zeichnete Geschichte für Jung & Älter.

„Ein Platz für Bär“ erschien 2015 im Verlag Annette Betz

Go Estland

Andrus Kivirähk und Anne Pikhov – „Frösche küssen“

Nach einem anständigen Einkauf kehrt der Weihnachtsmann in seiner Einmotorigen zum Nordpol zurück. Dabei fallen ihm aus dem gewaltigen Geschenkesack ein paar Märchenbücher heraus. Der Brummbär Petz bekommt von dem herunterplumpsenden Buch gar nichts mit, weil er total tief schläft. Der Hase kriegt einen tierischen Schreck, weil ein Buch seine Möhre halbiert. Was aber halb so schlimm ist, denn das Geschoss stellt sich sogleich als spannende Lektüre und die Möhrenhälfte als ideales Lesezeichen heraus. Das dritte Buch landet in der Badewanne des Fuchses, der, statt die Dusche abzustellen, lieber zum Regenschirm greift, um in Ruhe zu schmökern. Das vierte Buch lässt den Wolf mit seinem Fahrrad gegen einen Baum knallen. Die genannten Tiere haben eines gemeinsam: Von einem ganz bestimmten, hier aber nicht weiter gespoilerten Märchen inspiriert, wollen sie einen Frosch durch gezielten Kuss in eine Prinzessin verwandeln und sind bereits unterwegs zum nahegelegenen See. Dort sitzen „drei kleine Froschmädchen, die alle ein sauberes Röckchen“ anhaben. Der minimal irritierende Hinweis auf deren Reinlichkeit ist nicht weiter von Bedeutung, denn einen Froschjungen, welchen sie damit zwecks gemeinsamen Tanzens beeindrucken könnten, scheint es nicht zu geben. Stattdessen werden sie jeweils vom Hasen, Fuchs und Wolf geküsst – was wider Erwarten die Kussgeber in Froschjungen verwandelt. Am Ende darf also doch noch getanzt werden. Und, ach ja, unser Bär („der alte Trottel“) ist inzwischen aufgewacht, nimmt das Buch falsch herum in die Tatz, sieht darin eine auf dem Kopf stehende Prinzessin und stellt ohne Umschweife seinen Modus vivendi dementsprechend auf „Umgekehrt-Bär“ um.

Dieses witzige Buch liefert genau das, was Kinder brauchen: keinesfalls zu brave, sondern frech-skurrile Charaktere in einer ebensolchen Geschichte.

„Frösche küssen“ erschien 2015 bei Willegoos

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