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Zwischen Experiment, Soundtrack und Avantgarde. Ein Gespräch mit Midori „MimiCof“ Hirano

Wer ist Midori Hirano? Bereits seit ihren ersten Veröffentlichungen spannt die Musik der Japanerin einen Bogen zwischen Klassik und Ambient, und wirft insbesondere auch eine aufmerksame künstlerische Perspektive auf deutsche Erscheinungen der Musikgeschichte. Ihre Musik stellt nachdrücklich fest, dass diese sich nicht nur, wie allgemein angenommen, über Stilbrüche verstehen lassen, sondern auch als rückgekoppelte, geschlossene Kunst funktionieren.

Unter ihrem Pseudonym MimiCof entlädt sie die Spannung immer stärker in etwas Eigenes, führt uns tiefer ins Abstrakte und baut die Sphären, die sie vor langer Zeit betreten hat, zu synästhetischen Gebilden, mal Maschinen-, mal Welträumen aus. Das führte sie schon auf die Berlinale. Ihr neues Album „Moon Synch“ nun ist nicht zuletzt auch von ihrer Auseinandersetzung mit einem analogen Buchla-Synthesizer geprägt. Assoziationen zu Science-Fiction-Kino-Soundtracks oder Industrial Music bleiben schon deswegen nicht aus.

Doch es liegt in der Natur des Avantgarde, im Vorgefundenen bloß Vereinnahmungspotenziale zur Überwindung zu verstehen. Und so erlegt der schwere Industrial-Sound ihrem Projekt eine neue künstlerische Mitte auf, die „Moon Synch“ zu einem seltenen Fund macht – dem Ausgangspunkt eines aufschlussreichen Gesprächs.


Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen MimiCof-Album – wie lang hast du daran gearbeitet?

Dankeschön. Mit ein paar Pausen habe ich insgesamt vielleicht vier bis fünf Monate daran gearbeitet. Ich hatte zwei Residencies in Stockholm, einmal für zwei Wochen und einmal für eine Woche. Es gibt dort das DMS Studio, das einen großen Buchla-Synthesizer hat. Ich habe vorher nie mit einem analogen Synthesizer gearbeitet und war total interessiert, weil ich bisher nur digital am Computer gearbeitet habe.

Du bist extra für diesen Synthesizer nach Stockholm gekommen?

Genau, ich habe mich dafür auf diese Residency beworben und bin dann zum Glück angenommen worden.

Quelle: SoundCloud

Und während dieser Zeit in Stockholm sind sämtliche Songs des Albums entstanden?

Ich habe zunächst komplett ohne Ziel begonnen, mich mit dem Synthesizer auseinanderzusetzen, habe improvisiert und experimentiert, weil ich nicht wusste, wie er funktioniert. Das wurde mir im Studio aber gezeigt und ich habe es gelernt. Nach dem ersten Aufenthalt habe die Dateien mit nach Hause gebracht und sie ausgewertet, noch mehr Layer hinzufügt und sie digital bearbeitet.

Wie war es denn für dich, ein neues Instrument kennenzulernen?

Das war super. Ich habe ja klassische Musik studiert und früher viele Jahre lang Klavier gespielt. Aber das ist ein schon länger her, ich habe eine lange Pause vom Klavierspielen gemacht und meine Musik komplett am Computer komponiert. Mir wurde aber immer stärker bewusst, dass ich den Kontakt zu einem Instrument vermisse. Ich wollte jedoch nicht einfach zum Klavier zurück, sondern etwas anderes probieren.

Und gibt es Buchla-Synthesizer so selten, dass du dafür extra nach Stockholm musst?

Ja, tatsächlich. Die sind schon teuer und es gibt nicht so viele. Und es ist ein sehr altes Modell, aus den 60ern oder 70ern.

Der Buchla-Synthesizer im Stockholmer Elektronmusikstudion:

Quelle: Instagram

Im Gegensatz zu deinen vorherigen Alben gibt der Synthesizer deinem Sound ja auch eine durchaus neue Richtung, er klingt zeitloser und schwerer. Wie würdest du den Sound im Unterschied zu deinem 2012er MimiCof-Album „KotoLyra“ beschreiben?

Die beiden Alben sind komplett unterschiedlich. Bei „KotoLyra“ habe ich eher nur mit dem Computer komponiert und nur für wenige Stellen einen Synthesizer benutzt. Aber auf „Moon Synch“ geht es viel stärker in eine experimentellere Richtung. Es findet viel mehr zwischen analog und digital statt.

Würdest du auch sagen, dass es vom Sound her geschlossener klingt?

Ja, schon. Und es klingt viel physikalischer. Für mich hat es eine viel physikalischere Bedeutung.

Darauf sind ja auch die Songtitel wie „Spins“, „Rising“ und „Burning Lights“ angelegt, oder? Ist dies das Konzept des Albums geworden?

Am Anfang hatte ich kein Konzept, aber irgendwann habe ich das Ziel gefunden, dass der Sound etwas kosmischer wird. Im letzten Jahr habe ich ein anderes Album unter meinem wirklichen Namen Midori Hirano veröffentlicht, das „Minor Planet“ heißt. Und schon bei dem Albumnamen habe ich die Idee bekommen, ein zweites Album zu machen, das inhaltlich mit „Minor Planet“ verbunden ist. Aber das war eigentlich etwas zufällig.

Ambient-Musik ist ja oft sehr abstrakte, offene Musik, weshalb man beim Hören schnell die Tendenz hat, sich assoziativ durch Songtitel leiten zu lassen. Und Titel und Sound fügen sich auf „Moon Synch“ ja nun wirklich gut. Aber angenommen, jemand würde aber etwas ganz anderes, also nichts Kosmisches darin hören: Würde dich das stören oder findest du es schön, mit deiner Kunst Projektionsfläche zu bieten?

Ich freue mich, wenn jemand den Songs eine andere Bedeutung gibt. Jeder Mensch hat eigene Ideen zu jedem Stück.

Und ist es für dich wichtig, dich von Album zu Album in neue Richtungen zu entwickeln?

Es muss nicht immer anders sein. Es kommt nur darauf an, was ich gerade machen möchte. Das entscheide ich jedes Mal aufs Neue. Mein erstes Album habe ich schon vor zehn Jahren veröffentlicht. Und ich mache bei neuen Projekten gerne Sachen anders. Ich brauche manchmal die Veränderung.

als Midori Hirano:

Quelle: YouTube

War das der Grund für dich, anzufangen, auch das Pseudonym MimiCof zu benutzen?

Genau. Am Anfang habe ich immer nur als Midori Hirano Musik veröffentlicht. Dann kam ich nach Berlin, wo ich kein Klavier mehr hatte. Ich habe hier zunächst nur mit dem Computer und Geräten gearbeitet. In dieser limitierten Umgebung kam ich auf die Idee, etwas anderes zu machen, war stärker an elektronischer Musik interessiert und habe mir überlegt, mit einem neuen Projekt anzufangen. Deswegen habe ich als MimiCof angefangen. Heute sind für mich beide Projekte wichtig.

Und warum hast du dich damals für Berlin entschieden? Hatte das eine künstlerische Motivation?

Ich war, auch weil ich Klassik studiert habe, schon lange an deutscher Musik interessiert. Und noch mehr hat mich die Musikszene in Berlin interessiert.

… die elektronische?

Ja, schon. Außerdem war ich damals 29 Jahre alt und wollte etwas anderes in meinem Leben probieren.

Das hat ja künstlerisch auch sehr gut geklappt. Und obwohl du klassisches Klavier studiert hast, war die Musik, die du veröffentlicht hast, noch nie rein klassisch instrumentiert.

Ja, es war immer eine Mischung aus akustischer und elektronischer Musik. Auch mit Field-Recordings [aufgenommenen Alltagsgeräuschen] habe ich experimentiert, was ich auch immer noch gerne mache. Auf „Moon Synch“ nicht, aber auf „Minor Planet“ habe ich noch Field Recordings verwendet.

Aber auch Moon Synch ist ja ein wenig psychedelisch – mit maschinellen Klängen. Vom Höreindruck her könnten es auch echte Field Recordings sein, die du benutzt.

Ich habe auch tatsächlich darüber nachgedacht, Aufnahmen zu benutzen, aber der Klang des Buchlas hat mir so gut gefallen, dass ich nur damit gearbeitet habe.

Und du machst auch Film-Soundtracks.

Ja, manchmal schon. Nicht oft.

Einer der Filme lief sogar bei der Berlinale.

Ja genau, Vita Lakamaya, ein Animationsfilm.

Vita Lakamaya von Akihito Izuhara (Berlinale-Trailer):

Quelle: Vimeo

Wie entscheidest du, an welchen Projekten du mitwirken möchtest?

Ich beteilige mich nur, wenn jemand auf mich zukommt und fragt, ob er meine Musik verwenden kann. Der Regisseur von Akihito Izuhara kannte zum Beispiel meine Musik schon, weil wir uns schon kennengelernt haben. Er kam dann darauf, die Musik für den Film zu verwenden. So funktioniert es eigentlich immer: dass der Regisseur auf mich zukommt.

Würdest du sagen, dass deine Beteiligung an Filmsoundtracks deine Arbeit als Musikerin generell beeinflusst? Also dass auch deine Alben evtl. von visueller Kunst beeinflusst sind?

Ja, manchmal schon. Manchmal bin ich von bestimmten Bildern inspiriert, mit denen ich gearbeitet habe. Es gibt manchmal schon einen Zusammenhang. Ich sehe bestimmte Bilder, während ich komponiere. Ich mache das zwar abstrakt, schaue mir keine konkreten Bilder an, aber trotzdem fließen manche visuellen Ideen ein.

Apropos szenische Kunst – ein Song sticht aus dem abstrakten Konzept von „Moon Synch“ hervor: „Leaving the Country“ beginnt mit einem bedrückend klingenden, mechanischen Sound, welcher sich aber immer mehr auflöst. Ist dies das Gefühlsleben, das man hat, wenn man seine Heimat verlässt? Hast du daran gedacht bei dem Titel?

Vielleicht, ja, ein bisschen schon. Es muss nicht so traurig sein. Es geht ein bisschen um das Gefühl, vergänglich zu sein. Jeder Mensch stirbt irgendwann. Oder etwas geht kaputt. Das Gefühl, dass etwas endet. Alle gehen irgendwann weg. Dieses Gefühl hatte ich, als ich es komponiert hab, das wollte ich abbilden.

Und diese Art von Bedrückung klingt auf deinem Album ja auch an anderen Stellen immer wieder durch. Wie ist es, über mehrere Monate an einem so einnehmenden, impulsiven Projekt zu arbeiten? Belastet es dich auch?

Ja, es ist manchmal sehr anstrengend und man braucht viel Energie, um ein bestimmtes Stück zu machen. Vielleicht ist es eine Belastung. Aber man kommt damit zurecht. Ich habe nicht immer daran gedacht.

Quelle: YouTube

Und was auch sehr beeindruckend ist, ist dass du immer geschlossen und allein arbeitest. Du spielst alle Instrumente selbst, oder?

Beim allerersten Album haben Gastmusiker die Streichinstrumente aufgenommen. Aber ansonsten mache ich alles alleine, Klavier und Computer.

Erfordert es viel Disziplin, sich Tag für Tag damit zu beschäftigen?

Es ist wirklich schwer, denn es gibt zu viel Ablenkung. Aber ich versuche trotzdem immer etwas zu machen – zu spielen, etwas zu entwickeln. Aber das geht nicht jeden Tag.

Du stehst, während wir uns unterhalten, gerade direkt vor einer Japan-Tour, in der du dein neues Album präsentierst. Wie ist es, als Künstlerin in die Heimat zurückzukehren?

Ich kehre ungefähr einmal pro Jahr nach Japan zurück. Es ist eine Mischung aus Besuch und Tour. Meine Familie und viele Freunde sind noch dort.

Und ist es anders, vor denen zu spielen als hier in Europa?

Für mich ist es hier einfacher. Hier kann ich offener sein und freier auftreten – und arbeiten. In Japan gibt es auch viele Künstler*innen, die Musik in diese Richtung spielen. Aber ich bin auch hier, weil es dort viel schwieriger, viel stressiger ist, zu leben.

Du denkst also nicht darüber nach, zurückzukehren?

Momentan nicht. Vielleicht in zehn Jahren. Ich weiß es noch nicht.

Und zum Abschluss: Spielst du auch in Deutschland noch Release-Shows für das Album?

Das steht noch nicht fest. Ich plane meine Konzerte eigentlich immer noch unabhängig von Albumveröffentlichungen. Es kommt für mich eher darauf an, Anfragen zu bekommen, die ich spannend finde. Aber am 2. Juni spiele ich in Chemnitz und am 1. Juli in Bielefeld, zusammen mit Driftmaschine.


Eine Release-Show in Berlin ist inzwischen für den 23. Juni angekündigt. MimiCofs Album „Moon Synch“ erschien indes am 5. Mai bei Alien Transistor.

Titelbild: © Sylvia Steinhäuser

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