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Meta: Kunst über Kunst

Kunst spricht über Kunst. Und manche Kunst spricht mehr über Kunst als andere Kunst. Das kann schnell etwas verwirrend werden. Dieser Artikel legt sein Ohr an das Meta-Diskurs-Rauschen und versucht zu hören was die Hip-Hop/Electronic-Band The Avalanches, Goethes Evergreen Die Leiden des jungen Werther und die Traumfabrik Hollywood dazu zu sagen haben.

ein Gastbeitrag von Simon Rösel


Gefangen im Netz I

Tierfreunden ist die Meta bekannt als eine Kategorie der echten Webspinnen. Wer so eine Meta sucht, findet sie irgendwo im Zwielicht am Ausgang einer dunklen Höhle, wo sie in der Hoffnung auf Beute ihr radförmiges Netz aufgespannt hat. Ab und zu verirrt sich auch ein Insekt hier hinein und erwartet sein Unheil, während es so nach und nach eingewoben wird.

Stellen wir uns vor, Kunstwerke wären ebensolche Insekten, eingewoben in den Meta-Diskurs. Denn das Reden, das über Literatur, Musik und Filme jeden Tag stattfindet – vom Kneipengespräch bis zum Feuilleton-Artikel – spannt ein Netz um all die Werke, die darin vorkommen. Nun ist das nicht nur der Preis, sondern auch der einzige Weg um dazuzugehören. Zudem hat Kunst gegenüber Insekten den einen Vorteil, dass sie nicht stumm ist. Ganz im Gegenteil. Da spricht jede Gattung eine unterschiedliche Sprache. Literatur und Film haben explizitere Ausdrucksmöglichkeiten als Musik. Darum ist der Plan in den nächsten zehn Minuten an drei Stellen des Meta-Netzes reinzupieksen und zu schauen, was die Werke über sich zu sagen haben und wie sie es tun. Dabei ist klar, dass so ein Artikel, auch wenn wir ihn nicht zu wichtig nehmen sollten, ebenfalls zum Meta-Netz beiträgt. Daher habe ich die Werke vor allem als Fan ausgewählt und versuche mich ihnen äußerst behutsam zu näheren. Wichtig für die Auswahl ist nur, dass sie Kunst über Kunst sind und insofern eine Aussage treffen, die auch mit vorsichtiger Interpretation verständlich ist.

Werther – und warum sich verliebt, wer dieselben Bücher kennt

Vielleicht wäre es sinnvoll in der Schule nur schlechte Bücher zu behandeln. Schließlich vermiest der Unterricht oft genug die Werke, die wirklich was zu erzählen haben. Die Leiden des jungen Werther ist genau so ein Buch, obwohl es zuweilen schwierig ist, sich mit Werthers weinerlichem Verliebtsein zu identifizieren. Denn diese eine schicksalhafte Szene, die emeritierten Professoren bis heute Tränen in die Augen treibt, ist beispielhaft für Situationen in denen Kunst und Liebe aufeinandertreffen.

Doch der Reihe nach: Werther lernt Lotte kennen, kurz danach tanzen sie gemeinsam, sie ist bereits verlobt, ein Gewitter zieht herauf und entlädt sich mit seiner ganzen Naturgewalt. Wirklich interessant wird es aber danach. Denn als sich das Gewitter verzogen hat, legt Lotte ihre Hand auf Werthers und sagt nur ein Wort: „Klopstock“.

Der Name des Dichters hält der bedeutungsschweren Situation sogar stand. Schließlich war Klopstock zu seiner Zeit der Hero aller jungen, kunstbegeisterten Bohemians. Bei Werther und Lotte geht nun gleichzeitig das Kopfkino los, wie sie zu zweit an einem lauen Frühlingstag die Natur genießen und sich gegenseitig Gedichte vorlesen. Werthers aufkeimende Liebe und die aller Literaturprofessoren wird dadurch endgültig entflammt. Schließlich glaubt er nach diesem einen Wort, dass Lotte die Liebe erwidert und sieht all die zukünftigen Stunden vor sich, die sie knutschend im Park über der zerfledderten Klopstock-Ausgabe verbringen. Ungefähr so muss sich 1991 ein Teenager gefühlt haben, dessen Schwarm ihm gestand, dass sie auch gerne Nirvana hört.

Die Meta-Aussage über den gemeinsamen Lieblingsschriftsteller bringt die Liebenden zusammen. Literatur, die über die Wirkung von Literatur berichtet und sie darstellt. Sozusagen Kunst über die Wirkung von Kunst.

The Avalanches und wie Scheiße zu Gold wird

Der legendäre, wie gnadenlose Musik-Rezensent Robert Christgau hatte 2001 wohl einen schlechten Tag. Vielleicht schmeckte der Kaffee bei der Village Voice wässriger als sonst oder ein arroganter Praktikant lästerte in Hörweite über die Rolling Stones. Irgendwas muss ihn jedenfalls dazu gebracht haben, dass ihm zu Since I left you von The Avalanches nur „smart crap“ einfiel.

Die längere Geschichte dazu geht so: Das Debütalbum der Band aus Australien besteht aus bis zu 3.500 Samples, die von quasi überall stammen. Allerdings, und darauf bezieht sich Christgau, herrscht ein Übermaß an trashigen und obskuren Discosongs. Für sich genommen wäre keiner dieser Songs besonders interessant. Erst in der Neubearbeitung und Reduktion auf den einen guten Moment durch die Band bekommt jedes Sample auf einmal Zweck und Funktion, den es alleine oder in einem anderen Kontext nicht hätte. Das Ergebnis ist wohl eher Kunst aus Kunst als Kunst über Kunst, wobei der Übergang da sicher fließend ist.

Natürlich existiert auch für dieses Sub-Sub-Genre ein eigener Begriff, der überaus clever gewählt ist: Plunderphonics. Zunächst das englische Wort für „plündern“ von alter Musik und alten Songs. Doch mit einem deutschen Ohr am Wort klingt zudem der „Plunder“ durch, also der Schrott aus dem die Künstler sich bedienen um ihre Musikskulpturen zu erschaffen („smart crap“ eben). Am offensichtlichsten macht das der, wenn nicht beste, doch zumindest lustigste Track des Albums: Frontier Psychiatrist. Die verschiedenen Voice-Samples ergeben tatsächlich ein psychotisches Stimmengewirr bis hin zum komödiantischen Höhepunkt, dem Scratch mit einem Papageiensample.

Nun haben The Avalanches 2016 ihr zweites Album Wildflower veröffentlicht. Wieder ist es zum Großteil auf Sample-Basis entstanden, doch mit einem wesentlichen Unterschied. Die größere Bekanntheit erlaubte Tony di Blasi und Robbie Chater nun verschiedene Gastsänger mit an Bord zu holen. Da sich die Tracks mit Sänger nun etwas kohärenter um eine Frontstimme aufbauen können, klingt das gesamte Album auch weniger roh als Since I left you. Gut ist es trotzdem.

And the Oscar goes to … Hollywood!

Hollywood liebt nichts so sehr wie sich selbst. Ein Blick auf die Oscar-Gewinner der letzten Jahre offenbart, dass in diesen unsicheren Zeiten ein Film vor allem dann als wertvoll erachtet wird, wenn er von Hollywood selber handelt. Das erste offensichtliche Beispiel war The Artist, dem überraschenden Gewinner der Academy Awards von 2012. Handwerklich eine durchaus valide Hommage und Neuinterpretation von Stummfilm, wurde der Film mit dem Beigeschmack serviert, dass hier vor allem die eigene Branchengeschichte gefeiert wird. Ohne in Köpfe und Besprechungen der Jury blicken zu können, scheint es nicht abwegig, dass das Wiederkennen der eigenen Branche mit ausschlaggebend war.

Im Jahr darauf gewann Argo, der natürlich vordergründig das Thema Iran und die tapferen amerikanischen Botschaftsmitarbeiter mitten im Umbruch zum totalitären Religionsstaat behandelt. Gefangen in der Residenz des kanadischen Botschafters, fingiert die CIA einen Filmdreh, um die Botschaftsmitarbeiter außer Landes zu schleusen. Eine nette kleine Story, ein solider Film, doch ob es wirklich nötig ist, dafür einen Oscar zu geben? Vielleicht gefiel der Jury die Meta-Botschaft über eine befreiende Wirkung von Filmen gegen Terrorregimes einfach zu gut.

Und schließlich Birdman, der viele Sachen spektakulär richtig macht. Soundtrack und Kameraführung waren denkbar frisch. Leider kanalibalisiert sich der Film sich in seinen Hollywood-Meta-Referenzen. Das beginnt mit Michael Keaton als mittelmäßigem Hauptdarsteller und endet noch lange nicht, als er nackt über den Times Square getrieben wird. Trotzdem ist Birdman der beste einer Reihe von Filmen, die ich als Kunst über den Ort, an dem Kunst entsteht, bezeichnen würde.

Gefangen im Netz II

Zurück in der Spinnenhöhle, werden uns mehrere Dinge bewusst:

  1. Das Schlagwort Kunst über Kunst ist zwar ein verbindendes Element drei Werke, aber ansonsten nur ein vager Oberbegriff für all das Getier, das sich im Meta-Diskurs mit der Zeit ansammelt und abstrampelt. So bleibt es vorerst einer der Begriffe, die zwar irgendwie gut sind, aber auch das Verlangen nach passenderen Worten wecken.
  2. Eine reine, idealistische Sicht, die Kunstwerke „selber sprechen zu lassen“, wie wir es am Anfang mal vorgeschlagen haben, ist nur ein idealistischer Traum. Denn wenn niemand über Kunst redet, bedeutet das schließlich, dass auch niemand da ist, den sie interessiert. Und dann ist Interpretation ja eigentlich ganz cool, solange sie das interpretiert, was wirklich da ist. Trotzdem bleibt sie, wie der Höhleneingang der Spinne, eine etwas zwielichtige Angelegenheit.
  3. Eine andere Auswahl an Werken hätte wohl auch andere Ergebnisse geliefert: Ist zum Beispiel eine Serie wie Rick & Morty erst möglich gewesen, als sich ein Haufen an möglichen Referenzen angesammelt hatte? Die schnelle wäre Ja, die durchdachte wahrscheinlich auch.

Es drängt sich der Gedanke auf, dass wir nur an der Oberfläche eines ganzen Referenz-Universums gekratzt haben. So eine Erkenntnis muss nicht unbefriedigend sein. Kunst ist schließlich eine komplizierte Angelegenheit.

Beitragsbild: © Lenn Colmer


Foto_SimonSimon Rösel würde sich mit Kunst gern so gut auskennen wie mit Fußball. Wobei das ja auch irgendwie Kunst ist. Er hat mal studiert und arbeitet zurzeit als Texter bei Nordpol+ in Hamburg. Wenn ihm unironisch zumute ist, schreibt er verzerrte Gitarrenpopsongs mit viel Hall und melancholischen Melodien. Manchmal twittert er: https://twitter.com/simonroesel

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