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Formation – Look At The Powerful People. Repolitisierung des Pop?

Zumindest stimmen die Oberflächen, an denen Formations Texte kratzen. Und ihr Debütalbum „Look at the Powerful People“ eröffnet eine Perspektive.


Formation kommen aus London und machen sowas wie Protest-Dancerock – wenn es das gibt. Wenn nicht, haben sie es eben erfunden. Dabei klingen ihre Songs schon beim ersten Hören so merkwürdig vertraut, passen sich perfekt ein in den repolitisierten Medienapparat der ausklingenden Spaßgesellschaft. Und funktionieren bestimmt auch an sonnigen Festivalnachmittagen. Mit einer Entscheidung für das Dancerock-Genre gehen Foundation im Grunde schon kein großes Risiko ein, auch wenn es sich zuletzt etwas abgenutzt hat. So richtig gehypt hat es nach den 80ern vielleicht vor zehn Jahren nochmal mit Panic! At The Disco oder We Are Scientists, findet aber mit !!!, Hot Chip und Arcade Fire auch nach wie vor seine Künstler٭innen. Und technisch können Formation sich mit ihrem Debütalbum allemal mit diesen Bands in eine Reihe stellen.

Dabei klingen sie stilistisch eher nach einem Hybrid aus Kasabian und den Dandy Warhols, ziehen sich diese schwermütig getriebenen Disco-Grooves mit weitgehend unbeeindrucktem, fast stoischen und einem ganz kleinen bisschen zu coolem Gesang durch. Formation machen rhythmuslastige, voluminöse Musik, die immer wieder mit Synthies und Bläsern aufgebauscht und von einem knurrenden Bass angetrieben wird. Besonderes Highlight: der sechsminütige Abschlusstrack „Ring“, der nach dem Anbruch in eine vielversprechende gemeinsame Zukunft klingt. Die Riffs sitzen, die Melodien stimmen, der Vortrag ist musikalisch brilliant – zumal eben auch majorlabelhaft ausproduziert. Dass sie bei Warner Music gelandet ist, könnte jedoch schlicht darauf beruhen, dass ihr Bandkonzept den Zeitgeist trifft. Denn schon in den Vorabtracks erhielten Formation vor allem Anerkennung für ihre Haltung. Die meisten ihrer Texte laufen wieder und wieder auf Slogans zu, die sich hervorragend auf Demonstrationen machen würden. Immerhin gelang es ihnen schon, Streets-Frontmann Mike Skinner zum Dreh ihres Musikvideos, seiner ersten Regiearbeit überhaupt, zu bewegen:

Quelle: YouTube

Und ihre Texte umranden tatsächlich viele gesellschaftlich relevante Themen von Drugs über Gods bis Powerful People. Bloß bleiben sie leider an der Oberfläche, laufen sie auf vage Handlungsanweisungen à la „Sieh dir die Mächtigen an – die tun mir irgendwie leid – man sollte da echt was unternehmen“ zu. Die Texte umranden ihre Themen allesamt eher anstatt sie aufzugreifen. Und so ist ihre Musik leider doch vor allem Entertainment. Das ist insofern schade, denn durch den unaufgeregten Vortrag ihres Sängers Will Ritson wirken die gesellschaftskritischen Parolen dem ersten Anschein nach wie die selbstverständliche Haltung einer jungen Straßenbewegung. Mit Kutte und Aufnähern und so. Wie ein Hoffnungsschimmer in einem Land, das sich erst letzten Sommer aus Uninformiertheit und irrationalen Ängsten für den Brexit entschieden hat. Aber Formation geht es weniger um eigene Taten als um Aneignung, um Lifestyle. Vielleicht gelingt es ihnen, die Oberflächen irgendwann zu zerkratzen und zu den wirklich interessanten Inhalten vorzudringen, um selbst Powerful People zu werden. Das Zeug dazu haben sie. Bloß eine Chance haben sie mit ihrem Debütalbum bereits vertan: Was ein Weckruf sein könnte, verkommt über die Albumspielzeit immer mehr zum Snooze-Button. Der ist zwar nicht ganz so mächtig, hat aber auf lange Sicht auch schon vielen in den Tag geholfen.

Titelbild: © Sam Hiscox/Formation/Warner Music

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