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Macht Geld glücklich? Clemens Berger: Im Jahr des Panda

Im seinem neuen Roman Im Jahr des Panda nimmt sich Autor Clemens Berger einer ganz klassischen Frage an: Macht Geld glücklich? Er nimmt uns mit auf eine Abenteuerreise, die seine Figuren durch die halbe Welt führt – ständig auf der Suche nach sich selbst. Unter dem oberflächlichen Label der Kapitalismuskritik geht es dem Buch eigentlich um eine Reflektion der Widersprüchlichkeit menschlicher Begehrlichkeiten.


„Im Jahr des Panda“ – Über Wertigkeit und Aussteigerträume

Geld ist schon eine seltsame Sache. Die kleinen Scheine und Münzen repräsentieren einen Wert. In ihnen steckt das Versprechen, zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort einen Gegenwert zu erhalten, über den man selbst frei verfügen kann. Geld ist damit für viele mehr als nur ein Zahlungsmittel – es verspricht Möglichkeiten frei zu sein und zu leben. Wir arbeiten, um frei zu sein – ist das nicht paradox?

Zu diesem Schluss kommen auch Pia und Julian, die Abend für Abend Geldautomaten mit riesigen Mengen von Banknoten befüllen und dafür selbst ziemlich mies bezahlt werden. Aus dem was-wäre-wenn-Feeling, das in dieser monotonen Situation in der Luft liegt, entwickelt sich erst eine Beziehung zwischen den beiden und schließlich die fixe Idee nach dem ganz großen Ausstieg. Was könnte das junge Paar für ein Leben führen, wenn sie sie statt einen der Geldautomaten einfach mal ihren Kofferraum mit den frisch gedruckten Scheinen vollstopfen würden?

Für Autor Clemens Berger gibt es nur einen Weg, diese Frage zu beantworten: Er lässt seine Protagonisten den Kopfsprung ins Ungewisse wagen und schickt sie nach dem Raub einer halben Millionen Euro auf eine Abenteuerreise quer durch die ganze Welt. Neben der Geschichte von Julian und Pia gibt es noch zwei andere Handlungsstränge: Den  des exzentrischen aber steinreichen Künstler Kasimir Ab, der eines Tages einfach beschließt, die Sicherheit seines Luxusateliers hinter sich zu lassen, und der Tierpflegerin Rita, deren unauffälliges Leben durch die Geburt eines kleinen Pandajungen gründlich auf den Kopf gestellt wird.

Bergers großes Thema in allen diesen miteinander verwobenen Erzählsträngen ist der Wunsch nach einem Neuanfang – oder mehr noch: die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus einem bekannten und normierten System.

Das soziale Tabu des Toilettenpapiers

Dieses Thema wird von Berger innerhalb des beinahe 700 Seiten langen Romans mit einer Vielzahl von erzählerischen Mitteln entwickelt. Im Jahr des Panda ist eine Mischung aus Reise-, Liebes-, Kriminal- und Gesellschaftsroman, der es kunstvoll versteht feine prosaische Alltagsbeobachtungen mit experimentell anmutenden Erzählformen zu verbinden.

So beschreibt die junge Geldautomatendiebin in Spe, Pia, zum Beispiel das seltsame Gefühl des sozialen Stigma, wenn man im Supermarkt eine XXL-Packung Toilettenpapier kauft: „Ganz schön was vor“, denken sich die Leute in Pias Vorstellung, die sie anschließend offensiv mit ihren erworbenen Papierrollen konfrontiert und so die Grenzen des Anständigen missachtet.

Durch solche Kurzepisoden lässt uns Berger sehr behutsam mit seinen Figuren in Kontakt kommen. Pia etwa ist eine mutige junge Frau, die sich nicht von gesellschaftlichen Konventionen einengen lassen will und auch bereit ist, sich gegen Widerstände zu behaupten. Ganz anders verhält es sich bei der Tierpflegerin Rita, die ein zurückgezogenes und ängstliches Leben führt. Erst nachdem Pandamutter Fu Mao ein Junges wirft, das nur Rita betreuen darf, beginnt sie die Welt mit anderen Augen zu sehen. Diese neue Perspektive kann Rita nur vermitteln, indem sie anfängt, ein Tagebuch aus der Sicht des Neugeborenen zu schreiben.

Die Metapher des Panda

Dass ein Teil des Romans gerade aus der Perspektive eines Panda geschrieben ist, ist sicher kein Zufall. Pandas eignen sich hervorragend für die Paradoxie der Begehrlichkeit, die Berger aufzeigen möchte. Die vom Aussterben bedrohten schwarz-weißen Bären sind eine Kuriosität der Natur. Sie stopfen tagtäglich riesige Mengen von Bambus in sich hinein, um ihren Nährstoffbedarf zu decken – doch eigentlich stecken die drolligen Riesen in einem Körper, der viel besser für den Fleischkonsum geeignet wäre. Pandas haben sich das Image der tollpatschigen Faulenzer angeeignet, deren Alltag so mit basaler Bedürfnisbefriedigung gefüllt ist, dass sie sogar zu faul sind, sich zu paaren.

Seltsamerweise ist der Panda für den Menschen aber auch zu einem Symbol des Artenschutzes geworden – oder wie Berger formuliert: ein Symbol dafür, wie man eine Art mit viel Geld erhalten kann, die nachher nur noch fähig ist, in den Grenzen ihrer Gefangenschaft zu überleben. Diese Gegenüberstellung von scheinbarer Freiheit innerhalb unüberschreitbarer Grenzen ist eine Grundstruktur, die auch uns Menschen bestens bekannt ist.

Freiheit, Lust und die bittere Erkenntnis der Begrenztheit

Die Tatsache, dass Pandas Sexmuffel sind, ist sicher auch dadurch bedingt, dass sie sprichwörtlich alle Hände voll damit zu tun haben, ihr Überleben zu sichern. Lust am Sex hat in dieser Interpretation etwas mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Pia etwa wird kurz nach dem Diebstahl des Geldes auf dem Weg nach Slowenien so von ihrer Lust überwältigt, dass sie noch im Auto über Julian herfällt. Ihre Ekstase spiegelt die ungebändigte Freude darüber, aus einen eingeengten Leben ausgebrochen zu sein – und wird prompt durch zwei Streifenpolizisten gebrochen, die unmittelbar nach dem beidseitigen Höhepunkt ans Autofenster klopfen.

Pia steht nun also vor diesen Ordnungshütern, während ihr noch die Körperflüssigkeiten des gerade erst beendeten Quickies an den Schenkeln herunterlaufen und soll sich für den Geruch eines Joints rechtfertigen, den Julian kurz vorher im Auto geraucht hatte. Pia und Julian müssen kurz nachdem sie ihre neu gewonnene Freiheit zelebriert haben schon wieder um alles bangen, denn sie haben schließlich den ganzen Kofferrraum voller gestohlener Banknoten.

Ironischerweise ist ein Teil dieses Geldes, das sie in diesem Moment schwer belastet, auch der Ausweg aus ihrer misslichen Lage. Die Polizisten lassen sich bestechen, Pia und Julian können ihr Abenteuer fortsetzen. Berger will hiermit zwei Dinge sage: Erstens ist im kapitalistischen Gefüge alles auf Geld ausgerichtet und zweitens schränkt Geld uns genau aus diesem Grunde auch in unserer Freiheit ein. Denn selbst wenn man es für einen scheinbaren Ausbruch aus diesem System benutzt, kann man sich ihm trotzdem nicht vollständig entziehen.

Gestohlenes Geld ist mehr wert

Clemens Berger hat mit  Im Jahr des Panda einen klugen und gefälligen Roman geschrieben, der dem Leser seine Interpretationsmöglichkeiten nicht vorschreibt. Ohne die Entwicklung der einzelnen Abenteuerreisen vorwegzunehmen, kann man sich trotzdem an die Eingangsfrage „Macht Geld glücklich?“ wagen. Pia und Julian reflektieren gegen Ende ihrer Reise nicht nur die Rolle des Geldes, sondern auch ihre eigenen Begehrlichkeiten:

„Scheiß Geld.“

„Nicht das Geld, Julian. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist, was man damit anstellt.“

„Ich wollte doch nur -“

„Eben. Und wofür? Für deinen Kleinbürgertraum?

Pia steht in Bergers Roman exemplarisch für einen Freigeist, der Geld nur als Mittel nutzt, um aus seinen eigenen Schranken auszubrechen. Während Julian sich während der kompletten Handlung nie von seinem normierten Weltbild lösen konnte, ist Pia ein Symbol für das Ideal, welches Berger propagiert: Sei mutig. Habe keine Angst davor Umwege zu gehen. Mach was draus.

Eigentlich ja ganz nett. Steht so aber auch in jedem Poesiealbum, das man für 5,99 € am Kiosk erwerben kann. Vielleicht sogar mit Panda auf dem Cover.


Im_Jahr_des_Panda_Cover

Clemens Berger: Im Jahr des Panda

Roman, gebunden, 24 €

ISBN: 9783630875316

erschienen 19. September 2016

Luchterhand Literaturverlage

 


Beitragsbild: Martin Kulik

 

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