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Das Grauen der Provinz – Szilárd Borbely: Die Mittellosen

Szilárd Borbely_Die Mittellosen

Einen düsteren autobiographischen Roman über Armut und Leid, über Kämpfe und Kriege, über Ethnien und Klassen im Ungarn der 1960er Jahre, einen Roman, der kurz vor einem Suizid beendet wurde, so etwas dachten wir, muss man sich ansehen – es ist ergreifend, aber nichts für sanfte Gemüter.


Dass in der Peripherie, der Provinz bösartige Abgründe lauern können, zeigen in den vergangenen paar Jahren viele Bücher in den Bestsellerlisten. Wenig beachtet wird dabei aber der autobiographische Roman des ungarischen Schriftstellers Szilárd Borbély, nämlich „Die Mittellosen“, den er kurz vor seinem Suizid 2014 veröffentlichte. Dabei ist doch gerade dieses Buch in seinen düsteren Tiefen und den geschilderten Ausgrenzungsmechanismen erschreckend authentisch. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor.

Ort der Handlung ist ein archaisches Bauerndorf in der unterentwickelten Region Edrőhát, im Dreiländereck von Ungarn, Rumänien und der Ukraine, das in den 1960er Jahren alles, was nicht aus dem Dorf stammt, hasst: Kommunisten, Rumänen, Ukrainer, Juden oder sogenannte Zigeuner. Dort wächst der elf Jahre alte Ich-Erzähler mit seiner Familie in absoluter Armut auf. Das Einzige, was an diesem Ort zählt, ist physische Gewalt. Und gerade hier wird die Familie exkludiert. Oft werden Menschen verspottet, stigmatisiert, missbraucht oder verprügelt, überall ist der Erzähler mit Aggression konfrontiert.

Doch damit nicht genug: Er fühlt sich von der gesamten Welt getrennt. Das verdeutlicht Borbély gerne mit Primzahlen, unteilbare Zahlen, etwa Altersunterschiede, die irgendwie zwischen dem Jungen und den anderen Protagonisten stehen und die ihn von allen isolieren.

Zwei Faktoren sorgen für die Isolation: Erstens findet die Gewalt viele Wege. So foltern die Dorfbewohner gerne Tiere, aber gehen auch mit ihren Kindern kaum besser um. Letztere bekommen nur die Gewalt vorgelebt und behandeln dementsprechend Tiere ähnlich. Ähnlich verhält sich in Ehebeziehungen: Der Mann verprügelt Ehefrau und Kinder, doch auch die Mutter gibt die Gewalt wieder an das schwächere Glied weiter. Diese hierarchischen Dreiecksverhältnisse der Gewalt sind es, die den Jungen von seiner rohen Umwelt trennen. Zweitens darf auch über die Vergangenheit nicht gesprochen, das Schweigen isoliert jeden.

Borbélys Roman hat kaum Handlung. In zahlreichen Kurzepisoden wird nur das alltägliche Leben seiner rumänischen Familie in dem rassistischen Dorf geschildert. Die einzige Entwicklung ist, dass der Erzähler eingeschult wird und dort auch diskriminiert wird. Die Misshandlung von allem, was anders ist, entsprechen einer Mentalität, die sich auch in der heutigen nationalistischen Regierung Ungarns manifestiert, was dem Buch zusätzlich einen aktuellen und warnenden Anlass verleiht.

Obwohl der kindliche, schlichte und oft redundante Stil „Die Mittellosen“ leicht lesbar macht, so besteht die Schwierigkeit des Werkes in etwas anderem: Denn die realistischen und unverschnörkelten Schilderungen, der rohen Brutalität, der körperlichen und seelischen Misshandlungen, die sich die Klinke in die Hand geben, sind auf Dauer für den Leser schwer zu ertragen. Etwa werden hier am laufenden Band Katzen in Kot erstickt, getreten oder angezündet, ständig wird der Junge verprügelt, oder es wird Sodomie betrieben. Die Missachtung von Lebewesen erscheint in den krassesten Facetten. Dennoch kann man nicht anders, als weiter zu lesen und das Grauen erschreckend wahrzunehmen.

Gerade weil die Handlung statisch, sich somit einem klassischen Romanaufbau entzieht, und die Sprache kindlich, ehrlich und schonungslos ist, wird Borbélys Roman zu einem großen Wurf, eine mikrosoziologische Studie in der gnadenlosen Selbstbeobachtung eines Ausgeschlossenen. Denn immer wieder träumt die Familie von einer Änderung. Doch es kommt nie etwas zustande, eine Änderung erscheint in diesem Leben, in diesem Dorf nicht möglich. Dazu ist der Ort zu verroht, archaisch und rassistisch, um nicht in Resignation zu enden.


„Die Mittellosen“ bei Suhrkamp

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