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The xx in Berlin. Karneval auf Berlinerisch

Nachdem The xx ihre Berliner Fans fast vier Jahre hatten warten lassen, traten sie am Samstag endlich in der fast 9.000 Menschen fassenden Arena Treptow auf.

Ein Gastbeitrag von Filiz Gisa Cakir


Die anstehende Menschenmenge vor der Arena ließ eher ein Konzert einer Größe wie Lana del Rey vermuten und auch innerhalb der Halle konnte man sich den besonderen Flair einer Hipster-Massenveranstaltung schwer wegreden. The xx versammeln mit ihrem minimalistischen, und doch tiefgründigen Indie-Pop, der zum Gläschen Wein bei Kerzenschein genauso passend sein kann, wie zu dröhnenden Bässen im Club, nun mal eine ganze Menge verschiedener Menschen. Diese unterschiedlichen Seiten ihrer Musik präsentierten die drei Musiker*innen auf dem Konzert sodann beispielhaft. Während der Auftakt ihrer Welt-Tournee im November 2016 noch etwas schüchtern, fast unsicher wirkte und Gitarristin Romy Madley Croft und Bassist Oliver Sim dort nicht müde wurden, zu betonen wie sehr sie sich freuten endlich wieder auf der Bühne zu stehen, was man ihnen durchaus abnahm, war die Show in Berlin sehr viel dynamischer und ließ bald eine Club-Atmosphäre entstehen.

Gespielt wurden Songs vom neuen Album „I See You“ – welches glücklicherweise Florian Silbereisen von der Spitze der deutschen Album-Charts verdrängen konnte – aber ebenso ältere, düster anmutende Ohrwürmer. Jamie xx hatte genügend Raum auch seine Solo-Stücke einfließen zu lassen und so das Publikum durch immer krassere Bässe zum Tanzen zu bringen. An einem elegant transparenten DJ-Pult stehend bediente er die Drum-Computer, griff jedoch auch mal zum analogen Drumstick, um Becken und Trommel klingen zu lassen. Licht- und Bühneninstallation passten perfekt zur jeweiligen Stimmung der Lieder, die oftmals fast nahtlos und gekonnt ineinander übergingen. Mal erzeugten übergroße, sich drehende Spiegelwände eine fast bedrohlich-psychedelische Atmosphäre, dann tanzten bunte Neonlichter fröhlich mit den Zuschauern zu „On Hold“.

Quelle: YouTube

Die gefühlvollere Seite von The xx betonte Sängerin Romy mit Songs wie „Say something loving“ und während Oliver Sim kunstvoll bewies wie stylisch sich ein Bass spielen lässt, konnte sich der Zuschauer des Eindrucks nicht verwehren, dass die drei Musiker*innen – jede*r für sich – gewachsen zu sein scheinen. Ob auseinander, zusammen oder wieder zusammen – es lässt sich nicht wirklich sagen. The xx haben sich entwickelt, verändert; das lässt sich nicht zuletzt auch an ihrem neuen Album hören, auf dem man die alte Melancholie von „Coexist“ oder „xx“ nicht so einfach wiederfindet. Ihre Musik ist eindeutig ihre Musik, aber vielleicht klingt sie live zudem einen Funken weniger unbeschwert, daran ändert auch das Konfetti, das Zuschauer im Gedenken an einen in Berlin nicht stattfindenden Karneval immer wieder in die beeindruckende Lichtshow warfen, nichts. Aber hieran ist ja auch nichts Verwerfliches, denn auch Künstler werden älter.

Insgesamt war es ein rundes, vielleicht etwas kurzes Konzert, das die Zuhörer sicherlich ein kleines Stückchen glücklicher in die Samstagnacht entließ und was kann man von einem Konzert schon mehr erwarten?


Filiz Gisa Cakir hat den Master in Europäischer Kulturgeschichte absolviert, kommt aus dem Ruhrgebiet und mag am liebsten ihre beiden Perserkatzen. Ansonsten befasst sie sich gern mit Kuriositäten, altem Zeug und (Live-)Musik. Momentan forscht sie zum veränderten Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Tod.

 

 

 

 

© Titelbild: Tuomas Vitikainen/Commons Wikimedia

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