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Christiane Rösinger: „Lieder ohne Leiden“

Die Lassie Singers gibt es schon länger nicht mehr, aber ihre markante Stimme Christiane Rösinger bringt nun nach sieben Jahren musikalischer Funkstille ihr zweites Solo-Album heraus. Das gibt ihr den Anlass, gleich im ersten Lied ein Bekenntnis abzugeben, das vielmehr treffend als überraschend ist.


Ja, Christiane Rösinger ist ein Kind von Traurigkeit. Ihr neuer Albumtitel lehnt sich an den Vorgänger Songs of L. and Hate (2010), wobei das L. für den vermeintlichen Gegenspieler des Leids, also die Liebe steht. Vermeintlich, weil beides doch irgendwie zusammenhängt. Rösinger greift dieses Paradox als den ganz normalen Wahnsinn auf, das sie mit ihrer lakonischen, ironischen Art bearbeitet.

So gibt sie im Titellied ohne Umschweife wider, dass die Liebe wohl -und wehtun kann. Allerdings erfüllt Lieder ohne Leiden nicht das Muster einschlägiger Radiohits, die mit klischeestrotzenden Bildern ebengleiches Thema bis zum Erbrechen wiederkäuen. „Ich will Lieder ohne Leiden, ich kann mir doch nicht jeden Tag das Ohr abschneiden. Ich will Lieder, die nichts bedeuten“. Wie charmant Einfachheit doch sein kann.

In Schal nimmt uns Frau Rösinger mit auf ein (aussichtsloses, langweiliges) Date und wir lernen, dass die damit verbundene Erwartungshaltung warmhalten, aber auch erwürgen kann. Hinterher ist man immer schlauer, auch wenn man sich vielleicht fühlt wie das abgestandene Getränk, das vor einem steht.

Ein bisschen abgenudelt wirkt Das verflixte 7. Jahr – eine Floskel, die jedem bekannt sein dürfte. Jedoch quetscht der Sechzigerjahre Schlager-Charme in Kombination mit Rösingers fast gleichgültiger Sangesart den entscheidenden Tropfen Sympathie aus dem Lied heraus.

Als Teil der Babyboomer-Generation widmet die Musikerin dieser ein Lied und auch deren Kinder hat sie im Blick. Zum geradezu fröhlich geschmetterten Eigentumswohnung gibt es ein Video, das merkwürdig genug ist, um es dem interessierten Leser nicht vorenthalten zu wollen:


Trotz aller Melancholie, die im abschließenden Song Das gewölbte Tor seinen Höhepunkt findet und passenderweise dem alten Romantiker Heinrich von Kleist Tribut zollt, ist Christiane Rösingers Neuwerk recht leichte Kost.

Dass sie anscheinend nach all den Jahren des anspruchsvollen Künstlerschaffens nun stumpfer Arbeit nachgeht, ist nicht spürbar. Nein, Christiane, man hört, dass du dir treu geblieben bist und zugleich deine erste Soloplatte übertroffen hast.

Am 24.02.2017, sprich morgen, ist Release. Also, liebe Melancholiker, kaufen und hören!

Auf Tour ist Christiane Rösinger bald auch:

01.04.2017 Berlin, HAU1
04.04.2017 Hamburg , Uebel & Gefährlich
05.04.2017 Köln, Gebäude 9
06.04.2017 Frankfurt, Brotfabrik
07.04.2017 Schorndorf, Manufaktur
08.04.2017 CH-Zürich, Stall 6
09.04.2017 CH-St. Gallen, Palace
11.04.2017 AT-Wien, Brut
12.04.2017 München, Strom
13.04.2017 Leipzig, Werk 2

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