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SWISS ARMY MAN: Fahren und fahren lassen

2016 war kein schlechter Jahrgang für ausgesprochen weirde Filme, wie unter anderem „Swiss Army Man“ von Daniel Kwan & Daniel Scheinert belegt.


Besser als nix, denkt sich wohl der vereinsamte Gestrandete Hank (Paul Dano) und lässt von seinem Suizidplan ab, als eine Leiche angeschwemmt wird. So ganz tot scheint der junge Mann (Daniel Radcliffe) aber nicht zu sein, wie die seinem blassen Körper immer energischer entweichenden Flatulenzsalven nahelegen. Da hat Hank den genialen Einfall, seinen rückstoßbetriebenen neuen Freund kurzerhand als Jetski zu nutzen, und reitet sodann entsprechend euphorisiert den Filmcredits entgegen – ein erhabener Anblick. Nicht weniger genial ist das transgressive Konzept einer „Schweizer Multifunktionstaschenleiche“, die im Laufe der munter zwischen selt- und empfindsam wechselnden Geschichte auch als Trinkwasserspender, Nussknacker, Schießbüchse und Peniskompass fungiert.

Einige der progressivsten Filme der letzten zwanzig Jahre stammen von Filmkünstlern, die mit Musikclips erste Berühmtheit erlangten: Spike Jonze / „Being John Malkovich“, Michel Gondry / „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, Jonathan Glazer / „Under the Skin“. Nun haben die beiden Daniels Kwan & Scheinert („Turn Down For What“) es geschafft, die 2016er Weirdness-Schraube massiv an- bzw. abzudrehen und sich ganz in die Tradition von Bizarro-Perlen der Vorjahre wie „The Forbidden Room“, „Upstream Color“, „Holy Motors“ oder „Rubber“ einzureihen. Man muss „Swiss Army Man“ im Speziellen oder albern-groteskes Schrägzeug im Allgemeinen nicht mögen, um trotzdem zuzugeben, dass dieser Film bemerkens- und daher sehenswert ist, nicht zuletzt auch angesichts extrem lauer Kinosommerabende mit „Independence Day: Resurgence“ und dergleichen.

Andererseits sind offenbar selbst solch abseitige Kinofilme vor Pathos, Sentimentalität und einem überraschend ­(wenn nicht gar enttäuschend) geradlinigen „Suche nach der Liebe und sich selbst“-Plot nicht gefeit. Gewiss funktioniert die bittersüße Bromance, erfüllt sie doch nebenbei die Funktion, Pupshumor-Kritikern den entsprechenden Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn hier werden Meteorismen nach dem Motto „Was stille Wässer können, das können laute Gase ebenso“ allegorisch überhöht. So lernt Hank von seinem universalbegabten „Supermanny“ schlussendlich, dass man sich nicht verstecken oder verstellen, nichts in sich aufstauen sollte, und entsprechend ist denn auch das „Free Willy“-artige Ende zu verstehen, das Rührseligkeit mit einer ordentlichen Portion WTF versetzt. Neben der Erkenntnis, dass hier ein besonderes Indie-Kino fernab vom üblichen Mumblecore geboten wird, bleibt einem aber auch der Nachgeschmack eines nicht gänzlich kompromisslosen Werks in Erinnerung. Dennoch: Auf das Filmdebüt von Video-Legende Chris Cunningham sollte man unbedingt gespannt sein.


Beitragsbild: nofilmschool.com

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