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Museum Barberini – eine Kunstgeschichte des Augenblicks

Mit dem Museum Barberini erkämpft Potsdam sich in großen Schritten Selbstbestimmung darüber zurück, an welche Aspekte seiner Geschichte es anknüpfen möchte. Der Wiederaufbau des alten Palasts ist für die Stadt bedeutend, der symbolische Wert enorm. Umso erstaunlicher eigentlich, dass das Museum in seinen Eröffnungsausstellungen vor allem eine Kunstgeschichte des bezugslosen Augenblicks präsentiert, überwindet dieser doch gerade das Symbolische. Doch das Konzept geht auf und gewährt gleichzeitig einen noch mehr versprechenden Ausblick.


Vom Software-Unternehmer zum Museumsstifter

Anfang der 70er Jahre eine Software-Firma zu gründen, war aus wirtschaftlicher Sicht offensichtlich keine schlechte Idee. Zumindest für die Gründer von SAP hat diese sich ausgezahlt. Während einer der fünf, Dietmar Hopp, aus seinem Milliardenvermögen heraus den TSG 1899 Hoffenheim, für den er einst selbst spielte, von der Kreisliga A zum Bundesliga-Verein hinaufsponserte, eröffnete ein zweiter, Hasso Plattner, vergangene Woche in Potsdam ein Museum. Sein eigenes vielmehr: das Museum Barberini. Seine Stiftung übernahm den Wiederaufbau des Palais’ Barberini am Alten Markt, das bis 1772 unter Friedrich dem Großen nach römischem Vorbild gebaut und 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, zerstört worden war, und trägt ohne jede öffentliche Förderung den Museumsbetrieb. Auch basieren die gezeigten Ausstellungen großteils auf Plattners privater Gemäldesammlung, die er sich über Jahre abseits der Öffentlichkeit angeeignet hatte und teilweise seit langem nicht öffentlich präsentiert wurde.

Seine Sammlung setzt zeitlich im Impressionismus ein und zieht sich von dort aus über die Moderne ins Kontemporäre. Für Potsdam ist eine Veröffentlichung dieser Sammlung insofern eine wertvolle Bereicherung, als dass den Alten Meistern ja bereits die Bildergalerie am Schloss Sanssouci gewidmet ist und sich diese Kunstlandschaft sich nun eben um jüngere Meister von Claude Monet bis Gerhard Richter erweitert. Das Museum ist nicht das erste Geschenk Plattners an Potsdam, dessen Relevanz als Wissenschaftsstandort er bereits 1998 mit der Eröffnung des Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik an der Universität Potsdam förderte. Vom Mäzenatentum kann man indes halten, was man will – wie Potsdam ohne seine Stifter٭innen aussähe, zeigt schon eine Rundumsicht des Alten Marktes:

 

Neben dem Barberini finden sich dort zwar auch das Potsdamer Stadtschloss, dessen Rekonstruktion teils ebenfalls von Plattner, teils von Günther Jauch gestiftet wurde, und weitere prachtvolle Neuaufbauten. Doch gegenüber des Museums ist auch noch ein jüngerer und heute weniger willkommener Geschichtszeuge vorzufinden, das ehemalige Institut für Lehrerbildung, ein DDR-Zweckbau von 1977, das heute von der FH Potsdam genutzt wird. In dessen Fassade hat aus gutem Grund lange niemand investiert.

Impressionismus – der Puls des Museums Barberini

Im Museum Barberini lassen sich noch bis Ende Mai die drei Eröffnungsausstellungen besuchen. Diese setzen sich zwar nicht nur aus Plattners Privatsammlung zusammen, da sich in ihnen ebenfalls Leihgaben weiterer Sammler٭innen (darunter Bill Gates) und Galerien (darunter Eremitage in St. Petersburg sowie die National Gallery in Washington) befinden. Doch konzeptuell folgen die gezeigten Werke vollends der Ausrichtung von Plattners Sammlung und entwickelt diese kuratorisch weiter. Zentral ist hierbei die Herstellung von Zusammenhängen, eine sinnvolle Strukturgebung zwischen den Bildern. Ein thematischer Schwerpunkt liegt schon quantitativ auf der Impressionismus-Ausstellung, die den Untertitel Die Kunst der Landschaft trägt. Hier schöpft das Museum in seiner Sammlung offensichtlich aus dem Vollen und präsentiert stolze 92 Werke, darunter allein 41 Monets, aber auch mehrere Bilder Alfred Sisleys und Camille Pissarros. In acht Räumen finden diese nicht chronologisch oder nach Urhebern sortiert, sondern thematisch zueinander. So bekommen Gartenbilder ihren eigenen Raum, genauso Winter-, Wald-, Meeres-, Fluss-, Landschafts- und südeuropäische Motive. Auch Monets Seerosen finden einen eigenen Raum. So simpel diese Aufteilung klingen mag, so durchdacht ist sie.

Manet und Monet im Museum Barberini

Édouard Manet (1871) und Claude Monet (1870)

Denn Museumsleiterin Ortrud Westheider geht hier systematisch vor – im Bemühen, sich vor allem durch eine fachlich vollendete Konzeption von den zahlreichen derzeit konkurrierenden Impressionismus-Ausstellungen abzusetzen. Nicht zuletzt wird hierbei die politische Dimension des Impressionismus in den Vordergrund gerückt. In ihren Gemälden versuchten die verschiedenen Maler, das Augenblickliche so realistisch wie künstlerisch möglich einzufangen, womit sie sich gegen eine bis in die Antike reichende künstlerische Tradition stellten, in der an Motiven eben nicht einfach das Gegenwärtige, sondern das in sie hinein- und über sie hinausreichende Symbolische dargestellt wird.

Die gesellschaftlichen Codes, gewohnten Narrative und Hierarchien, welche sich in nicht-impressionistischen Gemälden fanden, sollten im Impressionismus vollends überwunden werden, das Symbol also dem Moment weichen, das Idealisierte dem real Wahrgenommenen. Neue Maximen waren Mobilität, Beschleunigung und Flüchtigkeit. Monet hat seine Seerosen nicht etwa deswegen so oft gemalt, weil er mit seinen Gemälden unzufrieden war, sondern, um an thematisch festen Motiven zu zeigen, wie unterschiedlich die Augenblicke sind, in denen man ihnen begegnen kann. In den verschiedensten Gemälden materiell eigentlich ähnlicher Motive verdeutlicht sich die Einzigartigkeit des konkreten Moments, seiner Lichtverhältnisse und -reflektionen. Und daher ist es eben nicht simpel, verschiedene impressionistische Gemälde von Flüssen nebeneinander zu hängen, sondern enorm aufschlussreich.

Monet Seerosen Museum Barberini

Claude Monet (1914-1917)

Die Moderne als Ausblick des Impressionismus

Wie bereits festgestellt, ist die In-Beziehung-Setzung einzelner Kunstwerke das kuratorische Hauptanliegen des neuen Museums. So versteht sich die Ausstellung Klassiker der Moderne wie ein Ausblick auf die verschiedenen vom Impressionismus losgetretenen Richtungen, den von Max Liebermann repräsentierten deutschen Impressionismus etwa oder Expressionisten wie Edvard Munch und Emil Nolde. Eine weitere künstlerische Entwicklung, die vom Impressionismus vorbereitet wurde, ist eine schrittweise Überwindung des Materiellen in der Kunst, die über Pointilismus (in der Ausstellung etwa durch Henri Edmond Cross repräsentiert) und Fauvismus (Maurice de Vlaminck) bis zur abstrakten Malerei Wassily Kandinskys führte. Als weitere Querverbindung zwischen den Eröffnungsausstellungen stellt sich die nicht zufällig mit hinein genommene Sammlung von Rodin-Skulpturen heraus, die das Pariser Musée Rodin und die Staatliche Kunstgalerie Dresden zur Verfügung gestellt haben. Mit ihnen zitiert das Museum Barberini eine gemeinsame Ausstellung Rodins und Monets 1889 in Paris. Dadurch, dass die Skulpturen erneut mit diesen Gemälden in Beziehung gesetzt werden, zeigt sich die von Rodin vollzogene Übertragung des impressionistischen Spiels mit Lichtbrechungen auf die Bildhauerei. Die charakteristisch unebenen Oberflächen betonen die Momenthaftigkeit der Perspektiven auf seine Skulpturen.

Auguste Rodin (1881/1967)

Auguste Rodin (1881/1967)

Dadurch, dass sie viel breitere Entwicklungen abdeckt, ist diese Ausstellung zur Moderne weit weniger systematisch geschlossen als die Impressionismus-Räume es sind. In einzelnen der vier Räume treffen unterschiedlichste Stile aufeinander, was unumgänglich ist, decken die Klassiker der Moderne doch letztlich in 60 Kunstwerken über 100 Jahre Kunstgeschichte ab. Die Hereinnahme auch kontemporärer Künstler wie Andy Warhol oder Gerhard Richter lässt sich da kuratorisch einfach als Ergänzung oder aber als Fortführung avantgardistischer Gemäldekunst verstehen.

Politische Aspekte des Museums

Eine weitere Ergänzung dieser Art kann die kleinste der drei Ausstellungen Künstler der DDR verstanden werden, die eben auch auf engem Raum unterschiedliche Stile vereint. Gezeigt werden in zwei Räumen unter anderem Gemälde Wolfgang Mattheuers, Bernhard Heisigs und Werner Tübkes. So zusammengewürfelt die Sammlung wirkt, so wegweisend könnte sie für das Museum sein, da sie dem Museum ein Standbein in der kuratorischen Aufarbeitung von DDR-Kunst verschafft. Sie bildet den Startschuss weiterer Ausstellungen, die nächste ist bereits für Oktober diesen Jahres geplant. Bereits im Titel Hinter der Maske deutet sich hier eine gegenüber dieser ersten Präsentation der Werke systematisch spezialisiertere Ausstellung an. Dieser wird ein Symposium vorausgehen, was einmal mehr den kunsthistorisch-wissenschaftlichen Anspruch des Museums betont.

Wolfgang Mattheuer DDR Museum Barberini

Wolfgang Mattheuer (1975)

Dass die Sammlung der DDR-Gemälde der einzigen Bilder sind, die Plattner offiziell dem Museum überschrieben hat, kann viele Gründe haben. Es drängt sich unter anderem ein Zusammenhang zum Kulturgutschutzgesetz auf, das in seiner gerade von Sammler٭innen kritisierten neuen Fassung erst 2016 verabschiedet wurde. Darin wurde die Genehmigungspflicht für die Ein- und Ausfuhr von Kulturgütern auch innerhalb der EU beschlossen, was zum einen ein politisches Werkzeug gegen den illegalen Kunsthandel (konkret zur Terrorfinanzierung) darstellt, zum anderen jedoch auch dazu führt, dass private Sammler٭innen sich in ihren Eigentusrechten geschwächt sehen. Auch Plattner gilt als Kritiker der Gesetzesänderung, die durchaus eine Rolle für das Museum spielt. So befinden sich seine eigenen Sammlungen in den eigenen Räumen nach wie vor im Privatbesitz und sind nicht in Plattners Potsdamer, sondern seinem kalifornischen Wohnsitz registriert. Wenn sie gerade nicht Ausstellungen des Barberini zur Verfügung gestellt werden, werden diese also stets wieder in die USA zurückgeführt. Öffentlich ist nicht bekannt, um welche konkreten Gemälde es sich dabei handelt. Die nicht von anderen Galerien entliehenen Bilder sind bloß mit einem Hinweis auf Privatbesitz versehen, nicht aber konkreten Personen zugeordnet. Die fundiertesten Spekulationen hierzu wurden von Susanne Schreiber für das Handelsblatt angestellt. Ob Monets quadratisches Seerosengemälde von 1917, das vielleicht das Herz der Ausstellungen bildet, nun Bill Gates, postmondän oder Hasso Plattner gehören, bleibt dennoch offen. Den Kunsteindruck stört diese Unwissenheit allerdings in keiner Weise.

Das Barberini. Kunst im Hier und Jetzt

Jener Kunsteindruck nämlich wird durch multimediale Unterstützung zeitgenössisch bis futuristisch abgerundet, womit nicht bloß die lokalpatriotischerweise von Günther Jauch eingesprochenen Audioguides gemeint sind. Denn wer noch unschlüssig ist, ob sich ein Museumsbesuch lohnt, kann sich im iTunes- oder Google-Play-Store schonmal die App des Museums herunterladen, einen virtuellen Rundgang machen und sich über aktuelle und angekündigte Ausstellungen informieren. Vor Ort wird dieser interaktive digitale Zugang zu Informationen weitergesponnen und in einem hochauflösenden Smartboard verwirklicht, der (von SAP mitentwickelten) Barberini Smart Wall. Diese lässt sich von Besucher٭innen per iPad steuern, verfügt über einige Informationsmenüs zu den Ausstellungen. Ebenfalls geht darin ein Projekt des Fotografen Christoph Irrgang auf, der zu 41 der impressionistischen Landschaftsgemälde die Entstehungsorte aufsuchte, um eine heutige Perspektive auf diese festzuhalten. In einer Gegenüberstellung desselben Blickwinkels, wie er in Gemälden Ende des 19. Jahrhunderts und wie er in aktuellen Fotos festgehalten wurde, führt das Museum zum einen vor Augen, dass diese Gemälde stets an realen, kartierbaren Orten entstanden, zum anderen betont es einmal mehr die Flüchtigkeit von Ansichten. Besonders hart getroffen hat es übrigens Alfred Sisleys Wiesen von Veneux-Nadon von 1881, die heute von einer Schnellstraße durchzogen werden, während nur wenige Kilometer entfernt Renoirs Verschattete Allee von 1869 noch fast unverändert verweilt.

Barberini Smart Wall Museum Barberini

Barberini Smart Wall (2017)

Beeindruckend ist die brillant aufgelöste 3×5-Meter umfassende Barberini Smart Wall allemal. Auch betont es einmal mehr die Zukunftsgerichtetheit der ausgestellten Kunst. Will sie die Museumsgäste jedoch in erster Linie informieren, ist fraglich, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, auf den großen Bildschirm zu verzichten und stattdessen ein paar Dutzend iPads zur Verfügung zu stellen, auf denen jede٭r selbst sich nach eigenen Interessen und in eigenem Tempo Informationen aneignen kann. Die Barberini Smart Wall zwingt Besucher٭innen im regulären Betrieb, sich zu einigen, wer das iPad bedienen darf, und ist vermutlich in erster Linie für Führungen und Symposien optimiert.

Augenblickskunst in symbolischem Setting

So geschlossen nun die einzelnen Impressionismus-Räume, so durchdacht die Querverbindungen der Ausstellungen sind, so verwirrend erscheint die Anordnung der Räume vor Ort. Der U-förmige Grundriss mit seinen verschieden großen Räumen zerreißt die Einzelausstellungen, führt seine Gäste fast unvermeidlich unsystematisch von Raum zu Raum. Man nimmt dies gerne in Kauf, bedenkt man die Relevanz des wiederaufgebauten Palais für Potsdam. Aber nachdem man in einem Raum umgeben von drei aggressiven, physisch einnehmenden Bildern Gerhard Richters stand, schon einen Raum weiter wieder in flüchtige Flusslandschaften einzutauchen, wirkt fast schon zynisch. Die Umsetzung der Eröffnungsausstellungen ist trotz durchdachter Kuration vielleicht noch nicht perfekt, aber bei jedem einzelnen Gemälde ist es eine Freude, dass es wieder öffentlich zugänglich ist.

Gerhard Richter Museum Barberini

Gerhard Richter (1986)

Untereinander drücken die Ausstellungsräume in gewisser Weise eine Überschwänglichkeit über den Startschuss des Museums aus. Dies geht noch etwas auf Kosten einer Entfaltung einzelner Ausstellungsaspekte. Dass die Sachlichkeit und eine stärkere Zuwendung zu rein kunsthistorischen Interessen in Zukunft mehr und mehr Einzug in das Museum halten werden, deutet sich jedoch sowohl im bereits Präsentierten als auch in Ankündigungen an, die einen vielversprechenden Ausblick auf die Zukunft des Museums Barberini gewähren. Das kuratorische Format Westheiders und ihrer Mitarbeiter٭innen lässt sich schon aus den aktuellen Ausstellungen ablesen, wirklich entfalten wird es sich erst noch in der weiteren fachlichen Profilierung des Hauses, in Symposien, Kooperationen und systematischen Ausstellungen. Schon ab Juni zeigt das Museum Barberini eine Ausstellung der amerikanischen Moderne von Hopper bis Rothko. Und für 2018 ist eine Max-Beckmann-Ausstellung geplant. Um die Moderne steht es also gut in Potsdam. Auch in Zukunft.

 

Titelbild: Claude Monet (1904) vor dem Potsdamer Hauptbahnhof (1999)

Alle Bilder: © Gregor van Dülmen

2 Kommentare

  1. Hasso Plattner gibt mit der Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie Stadtgeschichte und Kunst ein Vorbild für Mäzene in Deutschland. Das ganze in aller Ruhe und ohne Gedöns geplant und umgesetzt. Hier sollte die Berliner Poltik mal zur Schule gehen!

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