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Klez.e – Zeitgeist mit Cure-Schnitt

Klez.e melden sich mit einem außergewöhnlichen Konzeptalbum zurück. Es heißt nicht zufällig Desintegration und zeigt auf, wie Mauern Brücken schlagen können.


Eigentlich waren sie so lange weg, dass man sie fast vergessen haben könnte. Denn die Berliner Band mit dem seltsamen Namen meldet sich am 13.1. zum ersten Mal seit fast acht Jahren aus dem Studio. Doch ihr neues Album hat, obwohl sie musikalisch eigentlich sogar ruhiger geworden sind, auf Anhieb eine solche Präsenz, dass sofort alles hochgespült wird. Und so ganz waren sie ja auch nie wirklich weg. Klez.es Sänger Tobias Siebert etwa machte sich zwischenzeitlich als And The Golden Choir auch solistisch einen Namen – und nicht zuletzt natürlich als Produzent diverser Platten von Kettcars Sylt bis Sluts Alienation.

Dass Siebert sich zum Comeback der 2002 gegründeten Stammband nun plötzlich mit der eigentlich von Robert Smith patentierten Wischmop-Frisur präsentiert, ist derweil kein Zufall. Denn Desintegration weist gleich auf vielen Ebenen Querverbindungen zu The Cure auf. Schon der Albumtitel spielt deren 1989er Platte Disintegration an, den Soundtrack einer Jugendbewegung, die es übrigens auch in Ostdeutschland gab. Und da Sound, Stimmung und Themenwahl ohnehin stark an die Meister des Genres erinnern, gehen Klez.e lieber in die Offensive und machen das Zitat deutlich, anstatt sich des Kopierens bezichtigen zu lassen. Was sich auszahlt: Auf Desintegration transportieren sie Cure-Motive wie Schwermut, Sehnsucht und Lebensmut in die Gegenwart hinein. Denn was bleibt noch von New Wave und dem, was Klez.e selbst einst damit verbanden? Texte geben Aufschluss.

Inhaltlich erweist sich das Album als eine Art Bestandsaufnahme äußerer Einflüsse der letzten Jahre auf ein modernes Seelenleben, das einst mit Bands wie The Cure sozialisiert wurde. Schon der Opener-Track Mauern schlägt eine Brücke zwischen der letzten Episode deutscher Teilung („Früher da im Osten wollte ich im Wedding sein“) und neuerlichen nationalistischen Makrobewegungen: „Ich bin der Feind euer Nationen“. Es werden Sehnsüchte einer ostdeutschen Jugend, wie Klez.e sie selbst erlebten, zu heutigen Frustrationen übertragen. Eine Stärke des Albums ist, dass sie sich dabei nicht melancholischem Gejammer hingeben, sondern Haltung wahren und in der veränderten Lebenswelt neu positionieren. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Abgehängtheit umzugehen. Und sie gehen noch weiter.

„Wenn es regnet, gehen die Kinder spielen
in den Trümmern vor dem Haus
Wenn es regnet, gehen die Kinder spielen
die Drohnen bleiben aus“

Klez.e – Drohnen

Die 1989 vielleicht erhoffte Integration hat zwar nie stattgefunden, auch das mit dem Ende des Kalten Kriegs angenommene Ende der Geschichte blieb aus, was aber anhält, sind Kunst und Subkultur. Und plötzlich geschieht es, dass New Wave auch 2017 noch funktioniert. Auch wenn es Klez.e viel Kontextarbeit gekostet hat. Auf Desintegration wird die Rückkehr zu musikalischen Wurzeln zu einem wertvollen Stilelement unter vielen, denn das Album ist nicht bloß eine Paraphrase auf die Musik der Achtziger, sondern eine Neuerfindung. Am Ende ist vielleicht das einzig Nicht-Überraschende an Desintegration, dass die Platte bestens ausproduziert ist. Der Album-Sound spielt geschickt mit Präsenzebenen, und sucht das Besondere zwischen altbekannten Elementen und neuer Studiotechnik. Vielleicht könnte Tobias Siebert ja in Zukunft auch mal was von The Cure produzieren. 2017 ist noch jung und bis auf Weiteres nicht ganz hoffnungslos.

Quelle: Youtube

Titelbild: Andreas Hornoff

2 Kommentare

    • Gregor van Dülmen sagt

      Das stimmt, es wäre wahrscheinlich auch durchaus subtiler gegangen. Aber ich glaube, sie wollten da wirklich auf Nummer sicher gehen.

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