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The Invitation – zwischen Dinnerparty-Kammerspiel und Sektenhorror

Im Folgenden ein paar Argumente für Karyn Kusamas Sektiererei „The Invitation“, eines der Highlights von 2016.


Was sind Kulte doch creepy. Die eindrucksvollsten (Horror-)Filme entstammen nicht selten dem Subgenre „Sektenhorror“. Ob sinistre Klassiker wie The Wicker Man, Rosemary’s Baby, Suspiria, Eyes Wide Shut oder weniger bekannte Perlen (Martyrs, Faults, Sound of My Voice) – das Konzept einer bösartig-eigensüchtigen, perfide manipulierenden Elite, die meist über mehr als bloß einen Wissensvorteil verfügt, ist faszinierend. Dasselbe gilt für die poetische Kraft von Verschwörungstheorien, deren „I want to believe“-Ästhetik neben der TV-Legende X-Files auch Geheimtipps zu einer treuen, mitunter kleinen Fanbase (vgl. Nowhere Man) verhalf.

In dem neuen Film von Karyn Kusama (zu deren Werken das vielgelobte Boxerindrama Girlfight sowie die vielverrissene Zeichentrickadaption Aeon Flux gehören) findet, ähnlich wie in Ben Wheatleys fiesem Kill List, eine Genre-Metamorphose statt. Das Dinnerparty-Kammerspiel, ebenfalls ein kataklysmusfreundliches Subgenre, beginnt als Familiendrama: Nach dem Unfalltod seines Sohnes vor zwei Jahren ist Will (Logan Marshall-Green) immer noch traumatisiert, und nun lädt seine immerzu lächelnde Ex-Frau Eden (Tammy Blanchard), die Mutter des Verstorbenen, gemeinsam mit ihrem neuen, überaus suspekten Ehemann David (Michiel Huisman, Game of Thrones) das erste Mal seit der Tragödie Will sowie einige gemeinsame Freunde zu einem Wiedersehen ein. Der Umstand, dass Eden nach ihrem Suizidversuch längere Zeit in der titelgebenden Sekte in Mexiko verlebt hat, dominiert schon bald die Zusammenkunft. Dementsprechend will sich Ungezwungenheit nicht so recht einstellen, zumal als denkbar unpassender Icebreaker ein Indoktrinationsfilmchen vorgeführt wird. Vielleicht erscheint es zunächst enttäuschend, wie plump der Kultanführer darin die Clubmitgliedschaft bewirbt, worauf kein halbwegs gebildeter Mensch hereinfallen würde. Doch das ist nur der Beginn einer wunderbaren Entwicklung über einen vor lauter Verhängnis unerträglich fesselnden Psychothriller hin zu einem entfesselten, möglicherweise etwas zu blutigen Horrorfinale.

Quelle: Vimeo

Dabei ist vor allem das Schauspiel des zunehmend paranoiden, von seinem Verlust irreparabel gezeichneten Hauptdarstellers intensiv. Aus ein paar seltsam deplatzierten Worten erwächst unwiderrufliche Apokalyptik, Omen verdichten sich – das Grauenhafte ist kurz davor, in die Realität hinüberzuwechseln. Die ins Ungeheuerliche verweisenden letzten Sekunden (seltsame Broadchurch-Parallele inklusive) mögen zwar durchaus artifiziell-übertrieben anmuten, verstören aber nachhaltig. Eine relevante Eigenschaft, die der Film mit den eingangs erwähnten Meisterwerken teilt.

Titelbild: © Drafthouse Films

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