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Hieronymus Bosch. Visions Alive – Meisterwerk oder Todsünde?

Seiner Zeit einst weit voraus wirkt Hieronymos Boschs‘ Garten der Lüste heute, 500 Jahre nach dem Tod seines Malers, etwas aus der Zeit gefallen. Wie man es nicht einfach nur ausstellt, sondern auch seiner einstigen Progressivität mit zeitgemäßen Darstellungsformen gerecht werden kann, zeigt in Berlin die multimediale Ausstellung Hieronymus Bosch. Visions Alive. Doch kann sie ihrem Anspruch gerecht werden, ohne das Kunstwerk zu gefährden?


Hieronymus Bosch. Genie oder genialer Kopf einer ganzen Malerwerkstadt – darüber streitet sich die Kunstgeschichte bis heute. Unstrittig hingegen ist, dass Bosch seiner Nachwelt ein Universum aus grotesken Symbolen, Tieren und Menschen hinterlassen hat, mit dem er das Verhältnis von Mensch, Welt und ihrem „Schöpfer“ illustriert. Der sicher bekannteste Zugang zu diesem Universum führt über den Garten der Lüste, den Bosch um 1500 schuf. Zu einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr alle Antworten im Glauben an Gott finden und im Süden Europas weiterhin das Schöne und Erhabene Platz in der Malerei findet, wendet sich der geborene Niederländer dem Dunklen und Mysteriösen zu. Hiermit überwindet er die mittelalterliche Kunst auf eine andere Weise als seine italienischen Zeitgenossen und fügt der Renaissance eine weitere Facette hinzu.

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Hieronymus Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“, gemalt um 1500, ausgestellt im Museo de Prado, Madrid, © pixabay.com

Daran knüpft auch die Ausstellung Hieronymus Bosch. Visions Alive in der Alten Münze in Berlin an. Doch zeigt sie das bekannteste Werk Boschs nicht klassisch, wie es das Museum Prado in Madrid tut, sie zergliedert es in seine Einzelheiten. Umgeben von Projektionsflächen findet sich der Besucher in der Mitte des Gartens der Lüste, während sich Ausschnitte des Werkes – mit Hilfe moderner Computeranimation behutsam zum Leben erweckt – um ihn herum bewegen.

Himmel, Hölle, buntes Treiben – Die Symbolwelt Boschs

Die Fülle an Details auf der einen, die Absurdität der Kombinationen seltsamsten Wesen und Gegenständen auf der andere Seite lassen den Betrachter Boschs Menschenbild erahnen: als eine Ansammlung von verrückten, zum Teil ziellos umherwandernden, zum Teil auf persönlichen Lustgewinn gierende Geschöpfen, die mal in Einklang und mal in Zwietracht leben. In jedem Fall aber ohne eine von außen erkennbare Ordnung. Mit seinem Triptychon aus Erde, Himmel und Hölle führt Bosch den Menschen die möglichen Konsequenzen ihres Lebenswandels vor Augen. Auf der linken Seite der Himmel, auf der rechten die Hölle, in der Mitte das bunte Leben auf der Erde.

Den Himmel präsentiert Bosch in feinster Harmonie, Geselligkeit und Einklang. Schonungslos und furchteinflößend hingegen zeigt er die Qualen der Hölle. Spätestens hier wird Bosch seinem Spitznamen „Ehrenprofessor der Alpträume“ gerecht. In der Hölle gibt es nicht nur Habgier, Neid, Trunksucht und vieles mehr. Neben der Darstellung dieser Sünden übt Bosch hier auch Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen seiner Zeit und kritisiert – mit Hilfe eindeutiger Verweise auf die Unersättlichkeit der Reichen – Verschwendung und Habgier des Bürgertums, zu dem er selbst gehört. Damit fügt er dem Bild neben seiner Vorstellung über die Menschheit als Ganzer und der Verbildlichung eben ihrer Vorstellungen über Himmel und Hölle die Ebene hinzu auf der er die Scheinheiligkeit gesellschaftlicher Zustände darstellt.

Bis heute ist das Universum der Symbolik bei Bosch nicht völlig erforscht. Interpretationen, die sein Werk als Warnung vor sündhaftem Leben sehen, stehen Betrachtungen gegenüber, die die Bilder eher als Darstellung persönlicher Traumbilder eines schwer zu ergründenden Künstlers sehen. Ein Beispiel hierfür ist die auf fast allen Bildern, die Bosch zugeschrieben werden, vorkommende Eule. Bis heute wird darüber gestritten, ob sie als klassisches Symbol der Weisheit oder als Nachttier und Symbol der Undurchschaubarkeit zu interpretieren ist.

Visions Alive – Wiederbelebung der Vielseitigkeit

Durch die behutsame Belebung des Werks „Gartens der Lüste“ trägt die Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ eben dieser Tatsache Rechnung. Ohne den Blick in eine bestimmte Richtung zu dirigieren, lädt sie dazu ein, durch das Angebot der Videoprojektion zu treten und das Bild neu zu sehen. Der Reichtum an Details genauso wie die Möglichkeit diese individuell und ohne Vorwissen wahrnehmen zu können. Bei dieser auf allen vier Wänden des Raumes laufenden Projektion dieses vielschichtigen Werks wird sich jeder im „Garten der Lüste“ anders zurechtfinden – eine einzige herrschaftliche Blickrichtung gibt es hier nicht.

Indem der Zuschauer nicht vor, sondern im Werk steht, hat jeder eine andere Perspektive und kann sich auf die ihn umschwirrende Fabelwesen, Tiere und Menschen einlassen. Auch wenn man sich an dieser Stelle die Frage stellen kann, ob man hier eigentlich noch das Werk des 500 Jahre alten Meisters Hieronymus Bosch oder eher die Arbeit von “ARTPLAY MEDIA“ , erlebt. Sicherlich bedeuten die Symbole für den zeitgenössischen Betrachter etwas völlig anderes als für den der Renaissance. Dennoch bedeuten sie etwas für ihn, und diese Bedeutung wird ihm zeitgemäß zugänglich gemacht. Das innovative Ausstellungskonzept reduziert den Kulturwert Boschs nicht auf seinen Ausstellungswert allein. Ob die Aura des großen Meisters darunter nun leidet, verloren geht oder sich gar neu mit Bedeutung füllt, muss jeder Besucher für sich selbst herausfinden.

Auch Die sieben Todsünden finden einen Platz bei Hieronymus Bosch. Visions Alive - © boschalive.com

Auch Die sieben Todsünden finden einen Platz bei Hieronymus Bosch. Visions Alive – ©ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

Umso bedauerlicher, dass sich die behutsame Liebe zum Detail im zweiten Raum nicht wieder fortsetzt. Hier werden Daten und Fakten zu Boschs Leben eher lieblos an den Wänden eines schwach beleuchteten Raumes präsentiert. Auf einer Seite des Raumes lassen sich auf einem Touchscreen mit Grammatikfehlern gespickte Erläuterungen zum zuvor gesehen Triptychon auswählen. Auf der andere Seite hängt in einer Ecke des Raumes – als wäre es beinah vergessen worden – noch das Werk „Die sieben Todsünden“. Wäre man nicht immer noch zugleich ergriffen und fasziniert von der wundersamen Welt im ersten Raum der Ausstellung, würde einen dieser zweite und letzte Raum der Ausstellung enttäuschen.

Diese Ausstellung lädt weit weniger zur Zerstreuung ein, als man es zunächst von einer Videoinstallation erwarten könnte. Reproduktion und Zergliederung greifen hier reibungslos ineinander. Auch schiebt sich nicht – wie befürchtet – die Leinwand zwischen Zuschauer und Künstler. Indem sie zwar einzelne Elemente des Werkes belebt, diesen aber keine Dramaturgie aufzwingt, geht sie den Drahtseilakt zwischen Darstellung und Veränderung ohne Boschs Werk zu Verfälschen. Damit ermöglicht die Ausstellung einen, an zeitgenössische Formen der Rezeption angepassten, Zugang zu Boschs bekanntestem Werk und ist weit mehr als eine Spielerei in Sachen Videotechnik.


Zu sehen ist die Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ noch bis zum 31.01.2017, „Alte Münze Berlin“, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin U Klosterstraße, U/S Alexanderplatz.

Titelbild: © ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

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  1. Kling interessant. Bin ja nicht so der Freund von Video-Spielereien, aber offensichtlich greift das Konzept hier schon. Meinen herzlichen Dank!

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