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Volle Nasenkraft voraus! Martin Rowsons Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Es lebte einmal ein Schriftsteller, der war nicht ungenial. Sein Name war Laurence Sterne. Larry, wie er von Rowson liebevoll genannt wird, schrieb mal einen komischen Roman, der hieß „The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman“. Und dieser Roman nahm die Postmoderne in etwa genauso vorweg, wie vielleicht Giuseppe Arcimboldo mit seinen „verrückten Früchtchen“ den Surrealismus vorweggenommen hatte. Jedenfalls gibt es jetzt den guten „Tristram“ auch als Comic – und der kann sich sehen, lesen (und vielleicht sogar riechen) lassen.


Martin Rowson, der sich offenbar auf anspruchsvolle Comics spezialisiert hat (vgl. sein auf Eliot-Engine laufendes „The Waste Land“ ), ist ein talentierter Humorist, der – britischerweise – die Säfte der Lustigkeit fließen, sprudeln und spritzen lässt. Wo ein Wortspiel fehlt, lässt der Künstler ein Bildspiel zu. Und wo das Graphische relativ straightforward erzählt, da wird dem Leser die eine oder andere Wortgewalt angetan.

Rowson selbst hält übrigens nicht viel von der ganzen zeitgenössischen Romanindustrie, wie man hier nachlesen kann; daher ist es verständlich, dass er sich von einem der wenigen echten Anti-Romane hat inspirieren lassen.

Tristram Shandy führt hier eine Gruppe interessierter Besucher buchstäblich durch die Kapitel seines Lebens, wobei immer wieder das eine oder andere sinnfreie Intermezzo zwischengeschoben wird. Der Sterne’sche Narrationskniff, der dafür sorgt, dass Tristram in seiner Autobiographie nur mit größten Schwierigkeiten über den Moment der Geburt hinauskommt, dürfte berüchtigt genug sein. Rowson ist dies (und jenes) Anlass genug, um unaufdringlich draufloszuexperimentieren: So albert er gern mit Metadiegese, indem er offenbar ganz en passant sich selbst und seinen Hund ins Spiel bringt, spricht den lieben Leser dekonstruktivitzigerweise mit „Derrida“ an und nimmt nebenbei Oliver Stone auf die Schippe, indem er diesem einen Streifen namens „Tristram Shandy – Von Namur einmal zur Hölle und zurück“ (Starring Robert De Niro, Tom Cruise … und Meryl Streep als Trim) in die Filmographie hineinparodiert.

Rowsons satirischer Zeichenstil ist detailliert, jederzeit derb-komisch, hangelt sich ungehemmt-unverschämt zwischen diversen Pythonesken entlang, dabei stets einen deftigen Drall ins Nasal-Phallische offenbarend. Slapstick kommt nicht zu kurz, dazu jede Menge stylisher Humbug-Unfug, der bestimmte Zeitgenossen genauso stark abstößt, wie er andere anzieht. Und obwohl die Zeichnungen allesamt schwarz-weiß sind, hat man selten das Gefühl, dass es hier unbunt getrieben würde.

Habe ich übrigens schon erwähnt, dass Nasen eine gewaltige Rolle spielen in diesem pantagruelisch überbordenden Schelm von einem Comic? Jedenfalls eine sehr empfehlenswerte, da eigenartige Interpretation!

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