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Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben

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Haruki Murakami hat die seltene Gabe uns mit seiner schlicht anmutenden Prosa eine intime Verbindung zu seinen Protagonisten aufbauen zu lassen. Auch in der Geschichtensammlung Von Männern, die keine Frauen haben gelingt ihm dieser Geniestreich.


Von autofahrenden Frauen und scheuen Schauspielern

Der mäßig erfolgreiche Schauspieler Kafuku hat ein Problem: Nachdem er leicht alkoholisiert seinen Führerschein verloren hat, braucht er einen Chauffeur. Und da Männer ihm beim Fahren immer den Eindruck von Nervosität vermitteln, hätte er gerne eine Frau, die zu seinen Theaterterminen fährt.

„Kafuku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilte sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren ihm zu waghalsig, die anderen zu vorsichtig. Zahlenmäßig überwogen – glücklicherweise – die letzteren.“

Kafuku hat Glück, sein Automechaniker kann ihm eine junge Frau namens Misaki vermitteln, die Kafuku nach einer Probefahrt aufgrund ihrer ruhigen und sicheren Fahrweise sofort engagiert. Misaki ist keine Frau der „süßen Sorte“, doch die wortkarge, schroffe und bestimmte Art der Mittzwanzigerin interessiert den scheuen Kafuku. Nach einigen wortlosen Fahrten, die nur durch Misakis gelegentliche Raucheinlagen durchbrochen werden, stellt die Chauffeurin unvermittelt zwei Fragen, die Kafuku zum Nachdenken anregen: „Ist es als Schauspieler beglückend eine andere Person werden zu können?“ und  „Warum haben sie eigentlich keine Freunde?“ Diese zwei Fragen lösen Kafuku die Zunge. Er erzählt von seiner verstorbenen Frau – einer bildhübschen Schauspielerin mit dem Drang zu gelegentlichem außerehelichem Geschlechtsverkehr.  Er erzählt auch, dass er sich mit der letzten Affäre seiner Frau angefreundet hat, um herauszufinden, warum sie ihn gerade mit diesem Mann betrogen hat. Doch auch nachdem Kafuku erkannt hat, dass dieses Unterfangen aussichtslos ist,  trifft er sich weiter mit dem ihm, obwohl ihn die Bilder der Untreue verfolgen. Auf die Frage „Warum?“ antwortet Kafuku:

„Hat man einmal ernsthaft eine bestimmte Rolle angenommen, ist es nicht leicht, sie abzulegen. Auch wenn sie seelisch darunter leiden. Sie können nicht mittendrin abbrechen, solange sie keine sinnvolle Stelle dafür finden. Es ist so ähnlich wie in der Musik, wo man ohne einen bestimmten Schlussakkord nicht zu seinem harmonischen Ende kommen kann…“

Die Kunst der oberflächlichen Unaufgeregtheit

Die Figur Kafukus in der ersten Geschichte des Bandes Von Männern, die keine Frauen haben illustriert einen prosaischen Stil, den Murakami bereits in seinem Bestseller Die pilgerlosen Jahre des farblosen Herrn Tazaki gepflegt hat. Ohne viele Schnörkel und fast aus der Distanz wird uns das Innenleben der Figuren präsentiert – und wir kommen ihnen dabei erstaunlich nah. Gerade weil manche emotionalen Zustände nur mit einer gewissen Distanz betrachtbar werden, affizieren sie uns um so mehr. Murakamis Prosa hat eine schlichte Magie, die es uns ermöglicht, seine Figuren nicht nur zu verstehen, sondern mit ihnen zu fühlen.

Kafuku etwa entscheidet sich nicht dazu, sich an dem Mann, mit dem seine Frau schlief, zu rächen – obwohl er es gekonnt hätte. Die eigentliche Beleidigung hat er nämlich nicht von ihm erfahren, sondern von seiner Frau, die den Grund für ihre Untreue mit ins Grab genommen hat. Die Frage, warum sie gerade diesen bestimmten Mann dazu ausgesucht hat, der nach Kafukus Einschätzung blass und formatlos ist, wird von Misaki mit einer ganz eigene Theorie beantwortet:

„Vielleicht fühlte sich Ihre Frau gar nicht zu ihm hingezogen. Und hat gerade deshalb mit ihm geschlafen. […] Manchmal tun Frauen sowas.“

Diese unverblümte Antwort trifft Kafuku so sehr, dass er nur schweigen kann und froh ist, dass Misaki nach ihrem Gespräch zu ihrer stoischen Art zurückkehrt.

Die verschiedenen Formen der männlichen Frauloskeit

Ingesamt sieben Geschichten präsentiert Murakami in Von Männern, die keine Frauen haben. Der verbindende Faktor ist, wie der Titel schon vermuten lässt, die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts.

Doch die Art des Umgangs innerhalb der Geschichten unterscheidet sich erheblich – nicht alle fraulosen Männer sind so beherrscht wie Kafuku aus der Einführungsgeschichte. Spätestens, wenn der menschgewordene Käfer Gregor Samsa – nicht nur thematisch, sondern auch prosaisch eine Hommage an Kafka – mit seiner für ihn als Insekt etwas ungewohnten Erektion eine junge Dame verschreckt, wird klar: Murakami hat eine gute Mischung aus Tiefe und Unterhaltung gefunden. Nicht jede der sieben Geschichten ist so packend wie die des führerscheinlosen Kafuku, doch lesenswert sind sie allemal.


Beitragsbild: btb Verlag

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