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Postfaktisch – Die Politik des Bauchgefühls

Das US-amerikanische Wahlvolk hat gesprochen. Es rief „TRUMP!“ Was es damit ausdrücken will, ist aber unklar, denn es spricht mit einem kaum verständlichen Dialekt, den Sprachforscher „Postfaktisch“ nennen.


Postfaktische Zeiten

Das kleine Wörtchen „post“ hat es ganz schön in sich: Es zeigt nicht nur einen zeitlichen Verlauf an (etwas ist nach etwas anderem), sondern es markiert auch einen qualitativen Unterschied. Die Postmoderne ist reflektierter als die Moderne. Die postcolonial studies sind besser als koloniale Forschungsreisen. Postmondän ist cooler als Die Welt. Doch was ist der Unterschied zwischen dem Postfaktischen und dem Faktischen?

Das Oxford Dictionary hat das englische Pendant „post-truth“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt und begründet die Entscheidung mit dem Gebrauch des Worts im Zusammenhang mit dem Brexit und Donald Trumps Kandidatur im US-Wahlkampf. Das Wort bezeichne „circumstances in which objective facts are less influential in shaping public opinion than appeals to emotion and personal belief“. Objektive Tatsachen sind also für die öffentliche Meinungsbildung weniger einflussreich als Gefühle und die persönliche Überzeugung. Bezogen auf das Titelbild dieses Artikels würde der postfaktisch denkende Mensch sagen: „Ich könnte die Größe der Figuren auf dem Bild zwar nachmessen, aber ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass die Figuren nach hinten größer werden.“ Postfaktisch denkende sind anfällig für Täuschungen.

Angela Merkel sprach von „postfaktischen Zeiten“, als sie im September die schlechten Wahlergebnisse der CDU bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kommentierte.

„Postfaktisch“ scheint sogar eine treffendere Benennung der gemeinten Phänomene zu sein als „post-truth“. Schließlich wird das Konzept der Wahrheit (truth) nicht insgesamt aufgegeben. Nur die Rolle, die Fakten bei der Wahrheitsfindung und bei der Begründung der Meinung spielen, ändert sich. Fakten sind nur noch dann Fakten, wenn sie mit meinen persönlichen Gefühlen übereinstimmen. Wenn nicht, dann sind die Fakten Lügen.

Tatsächlich kann aber niemand, der seine Meinung lautstark äußert, das Konzept der Wahrheit ganz über Bord werfen. Er fühlt sich ja zu seiner Meinung berechtigt und muss sie äußern, weil sie bis jetzt noch nicht von ‚denen da oben‘, vom Establishment oder von den Massenmedien genügend berücksichtigt wurde. Der Ausruf „Lügenpresse!“ setzt gerade voraus, dass es eine Wahrheit gibt, über die die Medien eigentlich berichten sollten.

Post-Kompetenz

Das Spannende ist nun, dass diese postfaktische Haltung nicht nur den wütenden Mob auf der Straße betrifft, sondern ins Innerste des politischen Systems vorgedrungen ist. Das Neue ist dabei nicht, dass Politiker heutzutage lügen – das haben sie vermutlich immer schon getan. Die neue Qualität entsteht, wenn sie nicht einmal mehr versuchen, ihre Meinung durch Fakten zu belegen. Und wenn sie einer Lüge überführt werden, hat das oftmals keine gravierenden Konsequenzen mehr. Die Lüge ist eben keine Lüge, wenn sie sich richtig anfühlt oder dem Belogenen in seiner Überzeugung bestätigt. Und ein digitaler Shitstorm wird so schnell vom nächsten abgelöst, dass die aufgedeckte Lüge in Vergessenheit gerät.

Nun haben wir den Salat: Donald Trump wird bald der mächtigste Politiker der Welt sein. Dass Prominente aus dem Showbusiness politische Ämter bekleiden, ist in den USA nicht neu. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan sind die wohl bekanntesten Beispiele. Reagan hatte vor der Wahl zum US-Präsidenten 1980 allerdings immerhin schon viele Jahre lang politische Erfahrungen gesammelt (er war Gouverneur von Kalifornien 1966-1974). Trump hingegen ist politisch genau so erfahren wie ein Autoreifen. Man muss sich einmal klar machen, was die Wahl Trumps wirklich bedeutet: Das ist so, als wäre Dieter Bohlen der deutsche Bundeskanzler!

Aber nicht nur nimmt es Trump mit den Fakten nicht so genau. Auch das schwächere Kriterium der Kohärenz ignoriert er, die Forderung also, dass Aussagen einer Person wenigstens widerspruchsfrei zueinander passen. Seine Reden während des Wahlkampfs enthielten nicht nur zahlreiche Selbstwidersprüche, auch seine erklärten Ziele vor und nach der Wahl widersprechen sich bereits. Beispielsweise nannte er im Wahlkampf das Ziel, Obamacare abzuschaffen. Nach der Wahl ruderte er zurück und möchte Teile der Gesundheitsreform nun doch beibehalten. Das grundsätzliche Problem ist also, dass gar nicht klar ist, was die Wahl von Trump für Folgen haben wird – er scheint es ja selbst nicht zu wissen. Seine Ziele ändern sich mit seinen Gefühlen je nach Tagesform. Konrad Adenauer wird gerne mit der flapsigen Bemerkung zitiert: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Trumps Motto ist sinngemäß: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, heute andere Gefühle zu haben.“

Donald Trump funktioniert wie eine Fernsehserie, bei der in jeder Episode eine unerwartete, schockierende Wendung in der Story das Publikum bei der Stange hält. Ob die Geschichte dabei logisch schlüssig ist, ist zweitrangig.

Posten, liken, sharen

Das ‚alte‘ Massenmedium Fernsehen macht es einer kontroversen Figur wie Trump leicht, gehört und gesehen zu werden. Trump ist auf skurrile und verstörende Art unterhaltsam und unberechenbar – ein Garant für Einschaltquoten. Der Fernsehsender CNN hat selbst eingeräumt, Trumps Reden zu oft und zu ausführlich ausgestrahlt zu haben, als sich dieser 2015 neben anderen Bewerbern im Vorwahlkampf der republikanischen Partei befand.

Der hauptberufliche Miesepeter Neil Postman hat den Zusammenhang zwischen medialer Aufmerksamkeit und politischer Meinungsbildung schon in den 1980er Jahren anschaulich dargestellt. Ihn sorgte die Tendenz des Fernsehens, alles im Format der Unterhaltung zu präsentieren und den ernsthaften Diskurs zu verdrängen. Durch die sozialen Medien, die Postman nicht mehr miterlebt hat, hat sich diese Tendenz sicherlich noch verstärkt. Man muss gar nicht kulturpessimistisch eingestellt sein, um zu verstehen, dass mit 140 Zeichen keine komplexen politischen Zusammenhänge dargestellt werden können. Emojis drücken standardisierte Gefühle aus, aber zum Argumentieren sind sie eher ungeeignet. Während die FDP einst forderte, dass die Steuererklärung so einfach sein müsse, dass sie auf einen Bierdeckel passt, scheint sich heute der gesamte politische Diskurs an solchen begrenzenden Formatvorgaben zu orientieren. Bierdeckel passen ja auch gut zu Stammtischparolen, bei denen die Faust auf den Tisch donnert.

Auf der Jagd nach Clicks, Likes und Einschaltquoten berichten die Medien lieber über verbale Entgleisungen und andere Fehltritte von Politiker*innen als über politische Inhalte. Günther Oettinger beispielsweise war aus personenbezogenen Gründen in den letzten Wochen gleich mehrfach in den Schlagzeilen. Was seine politischen Ziele und seine Aufgaben als EU-Kommissar eigentlich sind, bleibt dabei aber völlig im Dunkeln und scheint niemanden zu interessieren. Mit der Überschrift „Politiker*in XY will die Einkommenssteuer um 0,5 Prozent erhöhen!“ lässt sich eben keine Aufmerksamkeit generieren. Und für die Wähler*innen ist es natürlich auch bequemer und leichter, sich über eine öffentliche Person eine Meinung zu bilden als über ein Parteiprogramm, eine politische Debatte oder einen konkreten aber langweiligen Gesetzentwurf. So werden schließlich Politiker*innen gewählt, weil sie ’sympathisch rüberkommen‘. Aber selbst ein unsympathischer Kandidat hat im Zweifelsfall bessere Chancen als ein Name, dem man zum ersten Mal in der Wahlkabine begegnet.

Schön wäre es, wenn der Wahlsieg Trumps als Weckruf für Redaktionen und andere Entscheidungsträger*innen in der Medienbranche ernst genommen würde und eine selbstkritische Analyse stattfände.

Postproduktion der Stimme

Donald Trump hat verstanden, wie die Medien funktionieren und hat es geschafft, mediale Aufmerksamkeit in Wählerstimmen umzuwandeln. Neue Medientechnologien zu verstehen und zu nutzen, wird sich für Politiker*innen zukünftig wohl noch mehr lohnen, denn die Wahrheit wird durch diese zunehmend flexibel gestaltbar.

Jeder Hobbyfotograf kann heute mit Photoshop Bilder retouchieren und so bearbeiten, wie es zu Zeiten der Analogfotografie nur für Profis möglich war. Kinobesucher*innen haben sich längst daran gewöhnt, dass in Filmen virtuelle Welten gezeigt werden, die vollständig am Computer entstanden sind. Die Stimmen von animierten Figuren wurden bislang jedoch von Schauspieler*innen im Tonstudio gesprochen. Das könnte sich bald ändern, denn Adobe, die Entwicklungsfirma von Photoshop, hat den Prototypen der Software VoCo präsentiert, mit der beliebige Texte von beliebigen Stimmen gesprochen werden können. Und zwar nicht so, wie es synthetische Stimmen schon seit Jahren können, sondern mit Stimmen von ‚echten‘ Personen. Man kann jeder beliebigen Person, von der genügend lange digitale Tonaufnahmen existieren, jedes Wort in den Mund legen – im Idealfall klingt die Sprachausgabe so echt, dass durch bloßes Hören nicht entschieden werden kann, ob die Person den Text tatsächlich gesprochen hat oder ob es die Software ist, die nur die Stimme der Person nutzt.

Jede sprachliche Äußerung von Trump, die zukünftige Journalist*innen finden, könnte also prinzipiell ein Fake sein. Und Trump könnte jede seiner früheren Äußerungen bestreiten, indem er behauptet, dass seine politischen Gegner sie mit der Software generiert hätten. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge hätte dann nur noch eine theoretische Relevanz. Für eine politische Diskussion hätte er gar keine Auswirkungen mehr. Das wäre dann tatsächlich post-truth.

Vielleicht sollten wir aber erst mal klein anfangen und eine Crowdfunding-Kampagne starten, um Hillary Clinton einen EDV-Kurs an der Volkshochschule zu spendieren. Es ist nie zu spät, den richtigen Umgang mit Email-Programmen zu lernen.

8 Kommentare

  1. Solange es möglich ist, komplexe Dinge verständlich zusammenzufassen und interessant zu vermitteln wie in diesem Beitrag, besteht noch Hoffnung. Danke!

  2. „Donald Trump funktioniert wie eine Fernsehserie“- das trifft es genau! Einer der bisher besten Beiträge zum vielleicht erstaunlichsten Phänomen unserer Zeit….

  3. Sehr schöner Beitrag! Und gerade das hier will ich gern mehrmals unterschreiben:
    „Schön wäre es, wenn der Wahlsieg Trumps als Weckruf für Redaktionen und andere Entscheidungsträger*innen in der Medienbranche ernst genommen würde und eine selbstkritische Analyse stattfände.“
    Überhaupt ist es jetzt notwendig, sich selbst ins Gesicht zu schauen, statt letztlich in Lamentationen gegenüber dem „Ungeheuer“ Trump zu verfallen.

  4. „Donald Trump hat verstanden, wie die Medien funktionieren und hat es geschafft, mediale Aufmerksamkeit in Wählerstimmen umzuwandeln.“ Dieses gruselige Szenario könnte ohne Weiteres eine Folge von „Black Mirror“ sein.

    • Gregor van Dülmen sagt

      Ich finde auch, dass es ein super Serienstoff wäre. Bloß bitter, dass es real ist und wir da echt durchmüssen.

  5. Pingback: Provokation – was tun! | NOSING AROUND

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