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Der fragmentierte Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte

Das Deutsche Historische Museum, in den letzten Jahren oft wegen wenig origineller Ausstellungskonzepte gescholten, hat gerade aufgrund des nachlässigen Umgangs mit seinen Kolonialexponaten oft Kritik erfahren. Die Kritik an der großen aktuellen Ausstellung zum deutschen Kolonialismus hingegen ist nur teilweise berechtigt.


Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im DHM Berlin

„The Kaiser’s Holocaust“ ist jenes Vorgehen deutscher Schutztruppen in provokant überspitzter Form genannt worden, das ab 1904 zur Auslöschung der Herero und Nama in Namibia, führte. Nur langsam sickert das Thema in die öffentliche Wahrnehmung, Feuilletons und Schulcurricula ein. Zusätzlich mit Brisanz wird die Beurteilung der Geschehnisse um die Jahrhundertwende durch die Debatte um den Begriff des Völkermords: von den meisten Historikern klar als solcher bezeichnet, wird er immer noch von der Bundesregierung, aus Angst vor Reparationsforderungen, abgelehnt.

Colon-Figur - Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900 © Deutsches Historisches Museum

Colon-Figur – Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900
© Deutsches Historisches Museum

Die bislang größte Ausstellung zur Geschichte des deutschen Kolonialismus, über 500 Exponaten auf knapp 1000 qm Ausstellungsfläche, kann angesichts des Ringens der deutschen Öffentlichkeit mit dem Kolonialerbe als überfällig bezeichnet werden. Mit ihrem ersten Exponat verbindet sich indes einer Blickumkehr. Man steht vor einer geschnitzten, sogenannten „Kolonfigur“, entstanden um 1900 in Nigeria oder Kamerun, die einen deutschen Offizier in Paradeuniform zeigt: Karikaturhaft überzeichnet, ausgestattet mit überdimensionalisierten Orden, Tropenhelm und Wilhelm II.-Bart gleicht er der Stereotypisierung des preußischen Herrenreiters und Bewohners jener „kasernierten Nation“, die Heinrich Mann im „Untertan“ beschreibt.

Jedoch bedeutet dieser Blick der Kolonisierten auf die Kolonialisten nur einen Perspektivenwechsel, der dem Besucher recht originell die Mechanismen der Vorurteilsbildung am eigenen Beispiel verdeutlicht. Das Interesse der Ausstellung hingegen richtet sich deutlich auf die Offenlegung der rassistisch-chauvinistischen Menschenbilder eben jener Herrenreiter und die Tradierung der im Kontakt mit den Einheimischen entstandenen langlebigen Stereotype, mit der sowie deren Ausweitung nicht nur auf alle Bewohner Afrikas, sondern generell Menschen mit anderer als weißer Hautfarbe.

Vielleicht mag hierin auch die bisweilen kritisierte fehlende Einbeziehung afrikanischer Organisationen in die Konzeptionierung der Ausstellung begründet liegen, die in erster Linie eine Auseinandersetzung der Deutschen mit der eigenen Identität ist. Sie offenbart die Kontinuität rassistischer Denkmuster, die sich vor der Kolonialzeit ausgeprägt hatten, während des späten 19. Jahrhunderts verfestigt wurden und trotz der – anhand der Exponate klar als Völkermord zu erkennenden – Menschheitsverbrechen in Kolonien wie „Deutsch-Südwest“ bis weit in die Gegenwart halten konnten. Die Ausstellung profitiert davon, dass gerade die Ungleichzeitigkeit einiger Exponate das schmerzliche Fehlen einer vertieften Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit verdeutlicht. Wer den „Vernichtungsbefehl“ Lothar von Trothas, das zentrale Dokument des Völkermords an den Herero gelesen hat, wird nur staunen können, angesichts der Ignoranz, sich bis in die bundesrepublikanische Gegenwart das Bild des naiv-fröhlichen Negers, etwa in Gestalt des Sarotti-Mohrs, oder des faulen „Hotten-Totten“ halten konnte.

Auch weitere Beispiele, nach kolonialen Akteuren benannte Straßen etwa, illustrieren das lange fehlende Verständnis und die fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Traum vom „Platz an der Sonne“. Wie dieses Verdrängen möglich war, wird anhand der Romantisierung, mit kolonialrevisionistischem Gedankengut einhergehenden Verklärung der Kolonialgeschichte deutlich, die direkt nach dem Verlust der Kolonien 1919 begann – „Heia, Safari!“.

Die Ausstellung verzichtet weitestgehend auf chronologisches Erzählen, allzu oder ausufernde zeitliche Einordnungen oder biographische Porträts der Kolonialakteure. Man mag vor allem kritisieren, dass eine Rahmung durch die Beleuchtung der den gesamten europäischen Kontinent erfassenden Hybris im Zeitalter des Imperialismus im DHM fehlt.

Auf einen jener Herrenreiter, nach dem immer noch eine Straße in Neukölln benannt ist, trifft man am Ende der Ausstellung wieder: Ganz hinten rechts liegen die Überreste des Denkmals für den Gouverneur des damaligen Deutsch-Ostafrika, Herrmann von Wissmann, den man aufgrund seiner Strafexpeditionen wohl als einen der schlimmsten Kolonialverbrecher bezeichnen kann. Bereits kurz nach seinem Tod 1905 hatte die Deutsche Kolonialgesellschaft mehrere Denkmäler zu Ehren des ehemaligen Reichskommissars in Auftrag gegeben. Das Denkmal der Berliner Ausstellung zeigt Wissmann mit typischen Kolonialsymbolen, einem erlegten Löwen etwa und dem treuen Askari-Kolonialsoldaten. Ursprünglich in Daressalam aufgestellt, wurde es nach dem Verlust der Kolonien 1921 in Hamburg aufgestellt und für revisionistische Kundgebungen genutzt. Erst in den 1960er Jahren mehrten sich der Protest und die Forderungen nach der Demontierung, insbesondere seitens der linken Studentenschaft. 1967 schließlich wurde es gestürzt.

Quelle: Twitter

Und so steht der Betrachter im DHM etwas ratlos und leicht irritiert vor den Trümmern des Denkmals zu seinen Füßen, einem Fragment, an dem sich beispielhaft die Irrwege, Mystifikationen und Instrumentalisierungen der deutschen Kolonialgeschichte offenbaren. Vielleicht kann, nicht zuletzt aufgrund des bis in die Gegenwart wirkenden nachwirkenden Erbes der imperialen Episode des Kaiserreiches, auch kein geschlossenes, sicher jedoch bestimmt kein abgeschlossenes Bild der deutschen Kolonialgeschichte gezeichnet werden. Hingegen ist bemerkenswert, dass die Gräuel und Verbrechen des Kolonialzeitalters angesichts der Langlebigkeit seiner medialen Verklärung und Instrumentalisierungen so lange weiße Flecken auf der Karte der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur geblieben sind. Die Vermessung dieser neuralgischen Zone ist ein großes Verdienst der Ausstellung im DHM.

Mehr Infos zur Ausstellung, die noch bis zum 14. Mai 2017 läuft, gibt’s hier.

Titelbild: Unterspülter Bahndamm zwischen Keetmanshoop und Lüderitz, Fotografie, um 1910, © Deutsches Historisches Museum

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