Artikel, Kultur
Schreibe einen Kommentar

Glitzerwelten: Ist Barbie jetzt (über-)lebensfähig?

Barbie ist der Inbegriff gefährlicher Schönheitsideale, stereotypischer Geschlechterrollen und des Kapitalismus‘. Ein Imagewandel soll sie retten. Wird ihr der Ausbruch aus der pinken Glitzerwelt gelingen?

ein Kommentar


„Hallo, ich bin Bibigirl, die perfekte Puppe. Ich gehöre dir, alle werden dich um mich beneiden. Ich will mehr Sachen!“

Michael Endes Buch Momo führt die Absurdität der „vollkommenen Puppe“ in ihrer Traurigkeit vor Augen. Eine Puppe, die nichts kann, außer „schön“ auszusehen. Eine Puppe, mit der sich ein Kind nur länger beschäftigen kann, wenn es Accessoires und Kleider anhäuft. Trotzdem wird das Spiel irgendwann eintönig. Aber zum Glück gibt es ja noch die Freundinnen der perfekten Puppe und den festen Freund. Und die brauchen auch Kleider und viele, viele Accessoires. Und dann? Was ist, wenn das alles langweilig wird? Dann müssen neue Ideen her.

Im Mattel-Hirn rattert es

Das dachte sich auch der Barbie-Hersteller Mattel, nachdem er 2014 schockiert feststellte, dass ihn die Dänen von Lego, die noch 2000 kurz vor dem Ruin standen, vom Thron stießen und sich als Spielwaren-Weltführer feiern ließen. Kann es sein, dass Mädchen nun lieber eine Welt aus bunten Klötzchen für eckige Männchen mit gelben Gesichtern und Plastikfrisuren bauen? Obwohl sie mit prächtigen Kleidern und einem vollkommenen Körper in einer pinkfarbenen Villa herumhängen könnten? Im Mattel-Hirn rattert es: Wie kann Barbie gerettet werden? Was kann sie erleben? Die Tierliebe Barbies ist ausgeschöpft. Ebenso ihre Liebe zum Sport und ihre Beziehung zu Ken. Eine Liaison hatte sie schon. Wie hieß der australische Surferboy noch gleich? Achja, Blaine. Freundinnen hat sie genug. Da blickt ja keiner mehr durch. Was macht eine Frau wie Barbie, wenn sie nicht mit hochhackigen Schuhen vor dem Kleiderschrank steht, im Pool liegt, mit ihrem Cabrio herumfährt oder Sport treibt? Sie arbeitet!

Frauen wie Barbie können arbeiten

So richtig neu ist die Idee nicht. Man kann der Puppe mit den langen Beinen, der extrem schmalen Taille und den großen Brüsten einiges vorwerfen: Job-Hopping zum Beispiel oder das Tragen ungeeigneter Berufsbekleidung. Aber Berufe ausgeübt hat sie viele – genauer genommen mehr als 150, und das ohne äußerliche Erschöpfungserscheinungen. So war sie als Astronautin im All, hat als Feuerwehrfrau Brände gelöscht und schon 1973 als Chirurgin gearbeitet – wohlgemerkt in viel zu kurzem Rock und zu hohen Schuhen. Tatsächlich war Barbie nach Angaben der Erfinderin Ruth Handler, die am 4. November 100 Jahre alt geworden wäre, ursprünglich feministisch gemeint: Als Handler 1959 die erste Puppe mit Brüsten auf den Markt brachte, hatte sie Mädchen zeigen wollen, dass sie nicht Mutter sein müssen, sondern als unabhängige Frau alles werden können, was sie wollen. Heute muss man in einem riesigen Berg aus rosaroten Tüllkleidern, glitzernden Accessoires und neonfarbenen Pumps sehr tief graben, um diese Botschaft zu finden. Deswegen hat sich Mattel das Motto nun groß auf die Fahnen geschrieben und Ende 2015 eine Du-kann-alles-sein- bzw. You-can-be-anything-Kampagne gestartet:

Quelle: YouTube

Auch möchte das Unternehmen Barbie-spielenden Mädchen zeigen, dass Frauen in Berufen erfolgreich sein können, die hauptsächlich von Männern ausgeführt werden. Die neue Karriere-Barbie, herausgebracht im Juni 2016, macht es vor. So heißt es in der Pressemitteilung:

„Die Spieleentwicklerin Barbie [sic!] ist die neueste Kreation aus der Karrierereihe. Ihre Botschaft ist eine Welt voller Möglichkeiten für Mädchen zu zeigen. […] Dies […] soll die Mädchen ermutigen, sich auch mit anderen Berufsfeldern zu beschäftigen. Barbie setzt mit diesem neuen Beruf ein Zeichen für die Wahl von MINT-Fächern und bringt mit der Spielentwicklerinnen-Barbie jungen technikbegeisterten Mädchen die Welt der Spieleentwicklung ein Stück näher.“

Und als Spielentwicklerin muss man nicht nerdig aussehen. Nein, man kann verdammt sexy sein. Damit aber nicht genug. Barbie-Hersteller Mattel setzt noch einen drauf.

Wir sind gar nicht alle blond!

Wenn sich Mädchen mit eckigen Männchen mit gelbem Gesicht und Plastikfrisur beschäftigen, dann spielen sie auch mit Puppen mit Kurven und verschiedenen Haut- und Haarfarben. Das dachte sich wohl das Unternehmen, als es die neue Barbie-Kollektion auf den Markt brachte: Nach ein paar Puppen mit verschiedenen Hauttönen und normalen, flachen Füßen, die 2015 das Licht der Welt erblickten, folgten in diesem Jahr Barbie-Puppen mit breiterer Hüfte, mit kleinem und großem Körper, mit asiatischen Gesichtszügen, mit blauen und roten Haaren, mit Untercut usw. Denn wer es zuvor nicht wusste, nun wird es allen klar: Die Welt wird nicht nur von blonden großen Frauen mit sehr langen Beinen und blauen Augen, schmaler Hüfte und großen Brüsten bevölkert. Nein, im Jahr 2016 möchte Mattel die Diversität der Gesellschaft aufzeigen – Identifikationspotenzial gibt es inklusive:

Quelle: YouTube

Wer auch immer bei Mattel auf die Idee kam, ihm٭ihr wurde wahrscheinlich stolz auf die Schulter geklopft. Denn mit diesem Imagewandel sollten sie doch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mädchen bekommen neue Möglichkeiten, mit Barbie zu spielen, und die Feminist٭innen, Genderforscher٭innen sowie Barbie-kritische Eltern werden ruhiggestellt.

Ende gut, alles gut?

Wer möchte nun noch behaupten, Barbie vermittle kleinen Mädchen ein unrealistisches Frauenbild oder ein gefährliches Schönheitsideal? Schließlich müssen sie nicht aussehen wie Barbie, sondern Barbie sieht nun aus wie sie. Vielleicht wäre Barbie ja jetzt, da ihre Taille nicht mehr ganz so schmal ist, im echten Leben sogar überlebensfähig. Ja, vielleicht sind ihre Knöchel jetzt so stabil, dass sie sich nicht mehr krabbelnd fortbewegen müsste.

Wer möchte Mattel vorwerfen, dass Frauen in der Barbie-Welt nur auf Klamotten und Schminke reduziert werden? Schließlich können sie jeden Beruf ergreifen – fernab von Model- oder Popstar-Jobs. Sogar sexy Unternehmerin und attraktive Spieleentwicklerin können sie werden. Auch die Kritik, Barbie und ihre rosa Glitzerwelt fördere stereotypische Geschlechterrollen, greift jetzt nicht mehr. Oder doch? Leider doch!

Die Wahl in der begrenzten Welt

„Barbie hat Mädchen seit jeher Wahlmöglichkeiten gegeben – angefangen bei ihren mehr als 150 Karrieren und inspirierenden Rollen bis hin zu ihren unzähligen Kleidungsstilen und Accessoires“, so Mattel in einer Pressemitteilung. Ja, Mädchen haben die Wahl: Sie können zwischen einem Outfit bestehend aus einem rosa Top mit dem Glitzer-Sternen und blauer Jeans oder dem Prinzessinnen-Kleid wählen. Sie können ihrer Barbie auch eine Brille aufsetzen und ihr ein Smartphone in die Hand geben oder sie gar zur Ärztin kleiden. Ja, Mädchen haben die Wahl – in einer begrenzten Glitzerwelt. Einer Welt, die, wie Mattel es selber nennt, Rollen vorgibt und ungebrochen vorführt, wie diese Rollen auszusehen haben. Und mit „aussehen“ ist hier tatsächlich das äußere Erscheinungsbild gemeint. Denn was macht man mit einer Spielentwicklerinnen-Barbie, die ein Plastik-Tablet und Plastik-Kopfhörer in der Hand hält, eine Brille trägt und nur begrenzt beweglich ist? Was macht man mit einer Barbie, mit der man nichts machen kann, außer sie umzuziehen? Man zieht sie um. Man wechselt ihre Outfits – immer und immer wieder.

Du kannst alles sein – mit dem richtigen Outfit

Das, was Mattel mit der Du-kannst-alles-sein-Kampagne vermittelt, ist vielleicht gefährlicher, als das, was Barbie bisher ausgesagt hat. Barbie war nicht realistisch. Die Frauen und Mädchen, denen man auf der Straße begegnet, sehen zum Glück nicht aus wie Barbie. Deshalb leben die Frauen und Mädchen auf der Straße in der Realität und sie in ihrer pinken Glitzerwelt. Nimmt Barbie nun aber mehr und mehr das Aussehen der Mädchen an, die sich mit ihr identifizieren sollen, und bleibt gleichzeitig ihrer Glitzerwelt – so sieht es zurzeit aus – treu, verschwimmen die Grenzen. Und plötzlich vermittelt die Du-kannst-alles-sein-Kampagne etwas ganz anderes, nämlich: Du kannst alles sein, wenn du sexy, immer top gestylt bist und bitte keine äußeren Erschöpfungserscheinungen aufweist. Mädchen lernen von klein auf, dass es um das äußere Erscheinungsbild geht, um Kleidung, Accessoires und Trends. Ja, ihr könnt alles werden, aber bitte orientiert euch an unseren Rollenbildern und achtet als Frauen immer auf eurer perfektes Aussehen, denn das ist das, was euch zum Ziel bringt – das ist eure Waffe.

Achso, da gerade das Thema stereotypischer Geschlechterrollen aufgemacht wurde: Es geht die ganze Zeit um Mädchen. Was ist eigentlich mit Jungen? Jungen? War in einem Barbie-Werbespot jemals ein Junge zu sehen? Nein, natürlich nicht, denn Jungen spielen nicht mit Barbies. Pink ist schließlich eine Mädchenfarbe – jedenfalls in der Mattel-Welt.

Man sieht, durch die neue Barbie-Kampagne hat sich nicht viel geändert. Nein, es ist vielleicht sogar noch schlimmer geworden. Würde man Michael Endes Momo fragen, was dieser vollkommenen Puppe denn jetzt noch fehle, würde sie antworten: „Ich glaub, man kann sie nicht lieb haben.“

Quelle: YouTube

Titelbild: © Lenn Colmer

Kommentar verfassen