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Pascal Pinons „Sundur“ – Die Entzweiung unzertrennlicher Herzen

Das isländische Duo Pascal Pinon stellt mit „Sundur“ trotz des jungen Alters der beiden Schwestern bereits das dritte Album auf die Startrampe und zeigt sich dabei puristisch und gereift  – ganze zwei Tage benötigten sie für die Aufnahmen.


Sundur og saman – entzwei und beisammen. Mit Blick auf den vorangegangenen Longplayer „Twosomeness“ von 2013 nähert sich bereits vor dem ersten Hören eine erste Ahnung, worauf der jetzt erscheinende Nachfolger „Sundur“ abzielt. Tatsächlich bestätigt sich dieser Eindruck durch melancholisch und sehnsuchtsvoll anmutende Kompositionen, die versuchen, die aufmerksamen Zuhörer*innen aus dem rasant vorbeiziehenden Alltag davonzutragen.

Dies ist ganz im Sinne der beiden Bandmitglieder, denn über einen gähnend leeren Terminkalender brauchen sich Ásthildur and Jófríður Ákadottir wahrlich nicht den Kopf zerbrechen. Während erstere in den letzten Jahren mit ihrem Studium des klassischen Klaviers in den Niederlanden ausgelastet gewesen sein dürfte, veröffentlichte Jófríður erst im Juni mit ihrem folkloristisch-elektronischen und vom Trip Hop beeinflussten Projekt Samaris das Album „Black Lights“ und wird zudem im September als Mitwirkende auf Sin Fangs Neuveröffentlichung „Spaceland“ erscheinen.

So verwundert es kaum, dass das Album innerhalb von zwei Tagen aufgenommen wurde. Zwar sind die einzelnen Stücke bereits im Laufe der vergangenen Jahre entstanden, eine eindeutig nachvollziehbare Verknüpfung in der Abfolge der Titel ist jedoch schwer auszumachen. Es scheint nicht im Interesse der Band gewesen zu sein, ein konzeptuelles Werk auf die Beine zu stellen. Doch ungeachtet dieser differenziert anzumerkenden Charakteristik entwickelt „Sundur“, nachdem es während des ersten Hörens in Teilen noch schwer zugänglich zu Tage tritt, eine durchaus gefällige Dynamik.

Quelle: Youtube

Was den Sound betrifft, setzen Pascal Pinon auf Understatement, das sich wohl am ehesten mit den Prädikaten Lo-Fi und Minimalismus beschreiben lässt. Ergebnis ist eine ausgesprochen ästhetische Klarheit, die das Geschaffene zum einen äußerst authentisch sowie glaubwürdig und zum anderen spezifisch erscheinen lässt. Spezifisch vor allem deswegen, da die klar erkennbare klassisch-musikalische Ausbildung der Zwillingsschwestern, die unter anderem durch multiinstrumentalen Einsatz Ausdruck findet, immer wieder von experimentellen Texturen untermalt wird. So kommen nicht nur vermeintliche Low-End-MIDI-Keyboards zum Einsatz, sondern gar Percussions in Form von Metallschrott und alten Flugzeugteilen, die von Áki Ásgeirsson, dem Vater und Studioassistenten der beiden Musikerinnen, beigesteuert wurden. Diese unkonventionellen Einsätze verschaffen dem Werk eine zunächst ungeahnte Tiefe. Während des Großteils des Albums steht jedoch die charmante Harmonie zwischen Ásthildurs pianistischer Interpretationen sowie des sanften und mystisch erscheinenden Timbres Jófríðurs im Vordergrund.

Quelle: SoundCloud

Musikalisch ohnehin, verhält sich „Sundur“ nicht nur von der Betitelung, sondern auch narrativ als Antagonist zum juvenilen Vorgänger „Twosomeness“, der in allen Belangen freudiger und heller daherkommt. Gleich mit dem ersten Song „Jósa & Lotta“ wird deutlich, dass Pascal Pinon persönliche Trennungserfahrungen verarbeiten, die zuallererst die beiden selbst betreffen. In diesem Zusammenhang erzählt Jófríður von der räumlichen Entzweiung der beiden Geschwister, die sich 2013 durch Ásthildurs Studium zwangsläufig ergab und eine neuartige emotionale Herausforderung darstellte. Darüber hinaus kommen andere Dimensionen der zwischenmenschlichen Trennung wie der Tod zur Sprache, was sich im wohl eingängigsten und bittersüßen Titel „53“ widerspiegelt.

Quelle: SoundCloud

Dass mit „Sundur“ trotz der sich durch das Werk ziehenden Thematik alles andere als ein klar strukturiertes Konzeptalbum vorliegt, wird auch dadurch dokumentiert, dass die einzelnen Titel scheinbar willkürlich mal in englischer, mal in isländischer Sprache interpretiert werden und für sich stehende Instrumentals das Bild komplettieren. Das erscheint vollkommen legitim, denn all dies tut dem positiven Anschein keinen Abbruch, da Pascal Pinons neues Album durch Authentizität, die verspielten Arrangements und doch reife Ausstrahlung sowie insbesondere den subtilen Gesang Jófríðurs beeindruckt. Das Zusammenspiel des Duos selbst lässt jedenfalls nicht auf die thematisierte räumliche Distanzierung schließen. Man darf also auch auf die weitere Entwicklung der beiden vielseitigen Schwestern gespannt sein.

Titelbild: © Magnus Andersen

3 Kommentare

  1. Meis sagt

    schwer zugänglich beim ersten Hören? Könnte mir nichts Einfacheres vorstellen…
    Super Platte!

  2. sydneysider47 sagt

    Da werde ich reinhören. Die Musik interessiert mich.

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