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We had to leave. Geschichten von Monstern, Gejagten und schäumendem Sauerstoff

Am gestrigen Abend stellten We had to leave. im Bremer Tower ihr erstes Album A Rather Confident Thought vor. Während sie in ihrer Heimatstadt längst weitaus mehr als ein Geheimtipp sind, wollen sie nun auch in anderen Städten von ihrer Definition des Indie reden machen.


Aus dem kleinsten Bundesland ist seit jeher eine überschaubare Anzahl von positiven Nachrichten zu vermelden. Das Bildungssystem liegt brach, der einst so stolze örtliche Fußballverein blickt wehmütig auf seinen avantgardistischen Charakter der Nullerjahre zurück und das Viertel als kulturelles Zentrum droht der Bourgeoisie anheimzufallen. Nicht gerade erbaulich.

Doch es ist Hoffnung in Sicht. Etwas an der prekären Situation ändern könnte die hier ansässige junge Szene an Musikschaffenden, die sich ihrer Kreativität in vielfältiger Weise genreübergreifend bedient. Ein Beispiel für diese positive Entwicklung ist die dreiköpfige Band We had to leave., die vergangene Woche ihren ersten Longplayer A Rather Confident Thought veröffentlichten. Die Combo definiert sich vorrangig als Liveband, die ihren Ursprung in Gigs in anderer Leute Wohnzimmer sieht und bereits über Bühnenerfahrung auch im Ausland verfügt, da sie bereits mehrmals bei Festivals und Konzerten in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und der Schweiz auftrat. Die neuen Aufnahmen sollen jedoch zunächst in heimischen Gefilden wie Bremen, Hamburg, Kiel oder Oldenburg dem konzertaffinen Publikum vorgestellt werden. Mitte Mai gilt es dann, Hörer٭innen in etwas weiter entfernten Gebieten zu überzeugen, wenn Auftritte im Kukulida in der Dresdener Neustadt (14.05.) und schließlich im Auster Club in Berlin-Kreuzberg (15.05.) folgen.

Was aber macht We had to leave. aus und wie präsentiert sich deren erstes Album? Sie selbst beschreiben sich als Indie-Electro-Trio, das „mit progressivem Geschrammel und subtiler Arroganz so ziemlich jeden Club in eine seriöse Spielwiese [verwandelt]“ (Quelle: Pressetext). Klingt vielversprechend. Tatsächlich kann von Geschrammel aber kaum die Rede sein. Wer sich an der 2014 erschienenen EP Awake Asleep orientiert, auf der der Titel Branches heraussticht, wird sich ob des stringenten Arrangements auf A Rather Confident Thought überrascht zeigen.

Quelle: YouTube

Während die EP äußerst experimentell daherkommt und sich durchaus gefällig, aber unvorhersehbar zwischen elektronischen Elementen, melodischem Songwriting, aber auch härteren Gitarrenriffs und damit irgendwo zwischen Dream Pop und Shoegaze bewegt, ist nun ein klar nachvollziehbarer Stil zu erkennen. Im Vergleich zum Vorgänger erscheint das Album einerseits weitaus poppiger, andererseits deutlich reifer und wohldurchdacht, was gleich die erste Singleauskopplung Small Voices illustriert.

Quelle: YouTube

Unüberhörbar greift die Band auf verschiedene Einflüsse zurück. Bemerkbar macht sich dies in der Betrachtung der einzelnen Stücke. So erscheint Understanding In A Heartcrash wie eine Reminiszenz an die früheren Foals. Das instrumentale R.S. lässt mit seinem Glockenspiel an Alt-J denken und das Interludium Transitional Arrangement vereint Merkmale von Sigur Rós. The Hunted erinnert in einigen Elementen an Deerhunters Halcyon Digest.

 

Quelle: YouTube

Eine Besonderheit entwickelt sich zudem aus den diversen Wirkungskreisen, die sich ohnehin aus der Zusammensetzung der Mitglieder ergeben. Sänger und Gitarrist Julian kommt laut eigener Aussage eher aus der Indie-Ecke, Drummer Torben hingegen erkennt seine Herkunft im Post-Hardcore und Bassist Christian spielte vormals in einer Metalcore-Band, kann darüber hinaus auf ein Studium der klassischen Musik verweisen. Ein für drei Bandmitglieder vergleichsweise großer Melting Pot also. Dennoch kommt während des Hörens nie der Eindruck auf, dass bei der Komposition der Konsens fehlte. Man scheint sich auf die Gemeinsamkeiten geeinigt zu haben.

Ergebnis ist, dass sich A Rather Confident Thought als ein variantenreiches Werk zeigt, durch das sich trotz der erwähnten vielfältigen Inspirationen eine erkennbare Linie zieht, und sich die Band einen für sich stehenden Stil mit Wiedererkennungswert zu eigen gemacht hat. Es gibt also auch in der Hansestadt allen Grund für eher zuversichtliche Gedanken, die sich auch in anderen Städten der Tristesse ausbreiten dürfen.

Titelbild: © We had to leave.

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