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Turbostaats Sergeant-Pepper-Phase? Willkommen in Abalonia!

Turbostaat gehen in die Breite. Vielleicht trifft man sie in Abalonia. Ein Review.


Wenn eine geschätzte Band, die man seit Jahren verfolgt, etwas Neues macht, wird man ja manchmal etwas nervös. Hoffentlich biedern sie sich nicht an. Hoffentlich hört sie nicht nachher jeder oder rennt mit deren neuen T-Shirts rum. Hoffentlich haben sie nicht plötzlich Synthesizer für sich entdeckt. Im Falle von Turbostaats sechster Platte Abalonia, das am 29. Januar erscheint, standen die Zeichen hingegen wirklich gut. Obwohl das mit den T-Shirts tatsächlich passieren könnte.

Schon Turbostaats titelgebende Vorabsingle Abalonia streute eine beruhigende Wirkung und klang wohlbekannt, so als hätte sie sich problemlos in jedes ihrer bisherigen Alben einfügen können. Nur dass darin, gerade zum Ende hin, immer wieder dieses komische Wort gesungen wird, aus dem sich nicht schlau werden lässt – „Abalonia“, das gleichzeitig sehr konkret und sehr nichtssagend klingt. Suchmaschinen-Recherchen, man soll es ja nicht tun, liefern auch keine Treffer, die sich nicht auf Turbostaat selbst beziehen. Eine künstliche Intelligenz bietet jedoch als alternative Suche das Wort „Apollonia“ an, das sich laut einem großen Open-Source-Lexikon als der Name 13 antiker Städte herausstellt. Von denen wiederum lagen einige in heutigen Kriegsgebieten. Andere im Mittelmeerraum. Mystisch aufgeladene Zufluchtsorte? Keine Ahnung. Ich denke, auch der Möglichkeit, die Schreibweise Aba- statt Apol-lonia, könnte auf einen Einfluss der schwedischen Popband ABBA auf Turbostaat hinweisen, sollte nicht nachgegangen werden. Nicht zu vergessen auch der Lissaboner Bahnhof Santa Apolónia. Wo solche Analysen hinführen (zu nichts!), ist ja schon an anderer Stelle geklärt worden. Aber feststeht: Die Schnitzeljagd geht weiter und führt mitten hinein in das sechste Album einer Band, die 16 Jahre nach ihrer Gründung verspielter klingen denn je.

Quelle: YouTube

Ein weiteres gutes Vorzeichen war die Ankündigung, dass die Herren für die Endproduktion der Platte wieder einmal das Label gewechselt haben. Album Nummer 6 erfordert also Label Nummer 4. Diesmal hat [PIAS] die Ehre, aber die Vorgehensweise, zunächst mit ihrem verdienten Stammproduzenten Moses Schneider ihr Lieblingsstudio zu buchen, sich ein paar Wochen auszutoben und dann erst auf Partnersuche zu gehen, zeigt: Die Marke heißt nicht „[PIAS]“, auch nicht „Schiffen“, „Warner“, noch nicht mal „Clouds Hill“, sondern „Turbostaat“. Sie hätte höchstens aus jugendlichem Leichtsinn heraus fast „Schweinemotor“ gehießen. Aber das ist, worauf im Link ja bereits hingewiesen wird, nun wirklich eine andere Geschichte.

Was passiert auf Abalonia? Nach der tendenziell eher abgeklärten 2013er Platte Stadt der Angst wagen Turbostaat einige Stilexperimente. Kommen sie etwa in ihre Sergeant-Pepper-Phase? Zwar suchen sie nicht wirklich nach neuen, wesensverändernden Sounds, tragen jedoch ihren bisherigen Stil vehement in die Breite, lassen weitere Einflüsse zu und gehen technisch neue Wege. Heraus kommt sicher nicht die logische, leicht zu vermarktende Konsequenz ihrer bisherigen Diskographie und bestimmt nicht das Album, zu dem Plattenbosse, würden sie denn auf solche hören, ihnen geraten hätten, aber eins für die Fans, das kantig ist und überrascht, und das gerade in einer Zeit, in der viele Punkbands hinsichtlich der politischen Lage ziemlich konkret werden, musikalisch wie textlich eine unbeirrte Zeitlosigkeit an den Tag legt. Turbostaat winden sich im Textmosaik Abalonias zu einer überzeitlichen, aber eben auch nicht völlig referenzlosen, Metaperspektive auf lächerliche (wenn sie nicht so traurig wären) Zeitgeisterscheinungen wie rechtsextreme Montagsdemonstrationen oder Splitterparteien hinauf. Und da oben scheint es ihnen ganz gut zu gefallen, denn dort haben sie Platz zur Entfaltung.

Manche Bands finden nach Soloprojekten nie wirklich zu sich zurück, wogegen Turbostaat die ihren eher aufzusaugen scheinen. Auf Stadt der Angst war eine gewisse Nähe der Band zu dem großartigen Deutsch-Indie-Projekt Ninamarie zu spüren, der Supergroup aus Turbostaats Marten Ebsen und dem Beatsteak Thomas Götz. Auf Abalonia kommen andere Einflüsse zur Geltung. Mountain Witch, die spielwütige Doom-Metal-Zweitband ihres Bassisten Tobert Knopp zum Beispiel. Nicht dass sie plötzlich selbst Doom Metal machen würden, aber statt die Ninamarie-Indie-Richtung weiterzuverfolgen, dringen eine ganze Menge von Elementen wie minutenlange melancholische Basslauf-basierte Instrumentalpassagen, düstere Geräuschsamples oder drückende, harte Parts durch, die Tobert für die Band erschlossen hat, und die sich problemlos in den guten alten Turbostaat-Punk einfügen. Zumal auch noch andere Richtungen zugelassen werden.

Also mal kurz der Reihe nach: In Song eins, Ruperts Gruen, („Komm mit mir // Wir bleiben nicht zum Sterben hier // Was ist schon diese Stadt im Herbst?“) verlassen Turbostaat die Stadt (der Angst?), lassen die Kleingeister dort in ihrer Wut zurück. Der Song bildet den Rahmen des Konzepts und stellt den Ort des Herauswindens aus seinem Ausgangspunkt dar. Auch ein zentrales Thema der Platte wird eingeführt: „Alles ist besser als der Tod“. Der zweite Song Der Zeuge klingt textlich ein bisschen nach dem Island Manöver (2010): „Alter Adel reitet zu Pferd // Aus dem Nebel in die Fabrik // Auf dem Weg bleibt Pferdescheiße // Der Pöbel kann ja heizen damit“. Musikalisch aber passiert etwas Außergewöhnliches: Kann es sein, dass Jan Windmeier hier nicht schreit oder spricht, sondern so richtig singt, mit Melodie und ohne Autotune? Wow.

Der Wels wiederum ist Turbostaat at it’s best und strotzt vor Spielfreude. Die Arschgesichter klingt nach einem Seemannslied, das von einer unruhigen See angetrieben wird. Wolter, die zweite Vorabsingle, ist mit seinen Tempo- und Stimmungsschwankungen und unsanften Übergängen, die in einer Art Piratenchor münden, sicher eine der experimentellsten Nummern, die im Albumkontext die gänzlich verschrobene Nummer Eisenmann vorbereitet. Darin dann wird irgendeine verhasste Autorität namens „Eisenmann“ besungen und beschimpft. Es könnte ein Lied über Wolfgang Schäuble sein, ich will aber niemandem etwas unterstellen.

„Eisenmann // Spürst du dich noch selbst? // Ist das Quietschen schon bedrohlich oder was? // Flugrost an allen Ecken // Und lange nicht geölt // So stampfst du durchs Milieu und drohst und drohst // Seid ihr wirklich so verdorben? // Und jeder soll es sehen // Nur ein Königreich aus Scheiße würde euch gut stehen“

Turbostaat – Eisenmann

Totenmannknopf ist so kompakt wie sein Name, fasst nochmal alles zusammen und macht Lust auf die Tour. Geistschwein kommt wieder experimentell daher und verbreitet eine psychedelisch aufgebäumte Endzeitstimmung. Nach ihm, im vorletzten Song, kommen Die Toten und übernehmen gleichgültig plätschernd die Platte, die sich, wenn man mal wieder mit einem Hammer puzzelt, als Konzeptalbum herausstellt, das eine unheimliche Geschichte erzählt, die wohl eine Parabel ist und darin einem progressiven Theaterstück ähnelt. Abalonia schließt mit seinem Titeltrack, den wir ja schon kannten. Hier am Ende der Platte wirkt es wie eine Verbeugung der Band, wie eine sympathisch-ehrfürchtige Demaskierung ihres Konzepts, die nochmal kurz einhämmert, dass es sich bei allem Experiment und nach all den Jahren immer noch um Jenny from the block, sorry, Turbostaat aus Husum handelt.

Prädikat: natürlich ein Muss.

 

Mehr über Turbostaat? Leerstellen in der Musik: Der Turbostaat-Code

 

© Titelbild: Christoph Spranger/www.turbostaat.de

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