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Globalize! Die Kunst der Partizipation

„All The World‘s Futures” lautete das Motto der inzwischen zu Ende gegangenen Biennale di Venezia. All die kleinen und großen Konflikte zwischen global und lokal, zwischen traditionell und individuell sind weltweit brandaktuell und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die diesmalige, älteste internationale Kunstausstellung besonders politisch akzentuiert war. Chefkurator war Okwui Enwezor, der auch die documenta 11 kuratierte und sich aktiv daür einsetzt, die afrikanische und asiatische Kunst mit in das Boot der westlichen Kunst zu holen. Oder sollte man besser sagen, ebendieses Boot aus dem Spotlight zu rücken? Manche Länderpavillons hatten mich tatsächlich daran zweifeln lassen, ob ich mich wirklich auf der Biennale befand oder in einem ethnologischen Museum. Okwui, bei aller Liebe, aber das habe ich nicht so ganz verstanden.

Horizonte definieren

Nicht-westliche Künste sollten dieselbe Achtung bekommen wie die euroamerikanisch geprägten. In dem Punkt lobe ich Enwezors Bemühen um einen ganzheitlichen Blick. Wenn ich mir aber nochmal den mosambikanischen oder indonesischen Pavillon ins Gedächtnis rufe, kann ich nicht anders, als verwirrt zu sein… Generell nichts Schlechtes, jedoch hatte ich nicht das Gefühl, dass das die Absicht des Kurators oder gar der jeweiligen Pavillons war. Darüber hinaus ist ein Unterschied, ob man die Einbindung solcher Ausstellungen als Erweiterung des westlichen Horizonts versteht oder als Ausbreitung desselben. Ein großes Thema, das ich aber nur kurz anschneiden möchte. Das westliche Kunstverständnis gleicht einem riesigen Server, der vielfältige und komplexe Informationen verschiedenster Wissenschaften und Disziplinen aus Vergangenheit und Gegenwart speichert und damit hantiert. Künstler unserer Zeit haben permanent auf diesen Server zuzugreifen, um zu vergleichen, zu reflektieren, zu werden. Das ist die Devise. Aber schließt dieses Verfahren, um es mal kurz so simpel zu bezeichnen, Künstler nicht-westlicher Kulturen aus oder bekommt es in Zeiten der Globalisierung nicht zwangsläufig einen erweiterten Charakter? Kulturelle Identitäten und der Umgang mit ihnen scheinen derzeit präsenter und empfindlicher denn je. Stuart Hall, ein Begründer der Cultural Studies, schrieb bereits vor 23 Jahren:

„Auch in den spätesten Formen der Globalisierung sind es nach wie vor die Vorstellungen, Artefakte und Identitäten der westlichen Moderne, die von den Kulturindustrien der westlichen Gesellschaft einschließlich Japans geschaffen werden (…). (…) Doch waren Gesellschaften der Peripherie immer für westliche Kultureinflüsse offen und sind es mehr denn je. Die Idee, sie seien ‚abgeschlossene‘ Räume – ethnisch rein, kulturell traditionell, bis gestern noch nicht von den Brüchen der Moderne aufgewühlt – ist eine westliche Illusion über die ‚Anderen‘: Es ist eine vom Westen aufrechterhaltene ‚koloniale Illusion‘ über die Peripherie, ihre Eingeborenen ‚rein‘ und ihre exotischen Plätze ‚unberührt‘ haben zu wollen.“

Quelle: Die Frage der kulturellen Identität, S. 214

Ein interessanter wie erschreckender Gedanke, den Hall hier aufwirft: Denken wir selbst heute noch kolonialer als wir glauben? Und was würde Okwui Enwezor dazu sagen? Letzten Endes bringt uns das jetzt in der Betrachtung von „All The World’s Futures“ auch nicht weiter. Beleuchten wir stattdessen den wahren, perfiden Gegner der Kunst: den Kunstmarkt!

Schatten beleuchten

Es ist kein Geheimnis, dass der Kunstmarkt gut und gern mal die Fäden in der Hand hat, wenn es um den Aufstieg und den Fall eines Künstlers geht. Gerade internationale Veranstaltungen mit derartigem Ruf, wie ihn die Biennale in Venedig trägt, bieten einen Nährboden für Kunsthype und horrende Verkaufssummen. In Bezug auf die 56. Biennale äußerte sich Enwezor dazu folgendermaßen:

„Die klare Unterscheidung zwischen den Begriffen ‚Idee‘ und ‚Ware‘ ist meine Positionierung zum Thema Kunstmarkt. Und mit dieser Unterscheidung agiere ich im Interesse der Öffentlichkeit und nicht im Interesse des Marktes, der privaten Interessen folgt. (…) Wir kommen nicht mehr weit, wenn wir die Kunst als Schmuck begreifen.“

Eine standfeste Position, aber keine Kriegserklärung, wie er selbst klarstellt. Eher ungewöhnlich für einen Kuratoren, brachte Okwui Enwezor sogar eine eigene künstlerische Idee ein, dessen Auseinandersetzung mit dem Kunstmarkt poetischer Natur ist, wie er selbst sagt. Über die gesamte Laufzeit der Biennale ließ er Marx‘ Das Kapital verlesen.

„Die Konzepte von Karl Marx sind nicht einfach, aber gegenwartsrelevant. (…) Es ist, als ob die Zeit flüchtig ist, und die Themen bleiben. Seit fast einhundertfünfzig Jahren reibt sich die Kunst am Kapital und begleitet die Umwälzungen im Namen des kapitalistischen Fortschritts.“

Quelle: fr-online

Die Message entspringt einem klugen Kopf – Enwezor weiß, wovon er redet. Wer den Artikel der Frankfurter Rundschau zur Konzeption der Biennale ein wenig aufmerksamer gelesen hat, dem wird nicht entgangen sein, dass der Kurator auf die Erschöpfung des Ausstellungsbesuchenden abgezielt hat, um eine Fokussierung zu provozieren. Etwas, was uns gerade im medialen Zeitalter immer schwerer zu fallen scheint. Eine raffinierte Idee, die Enwezor gelungen ist. Andererseits birgt eine große Grundidee aber auch die Gefahr, sich in den Vordergrund zu drängen, sodass die Fragmente – in diesem Fall die einzelnen künstlerischen Positionen – einem spürbaren Druck ausgesetzt sind und dadurch an Geltung verlieren können. Anders gesagt verspachtelt zu didaktische Kunst schnell Spielräume im Fühlen und Denken. Das ist „All The World’s Futures“ auch gelungen. Es sind nicht die für (oder gegen) Okwui Enwezor als Chefkurator sprechenden Fakten, die das Gesamtbild der 56. Biennale abschließen, letzten Endes ist es der Eindruck des Besuchers.

Absurdes hinterfragen

Jedem, der die Biennale in Venedig mal besuchen möchte, kann ich nur empfehlen, es im November zu tun. Jedem, der etwas Geld sparen, dem geballten Tourismus ausweichen und sich ausschließlich auf die Biennale und nicht auf Venedig konzentrieren will (Notiz am Rande: Letzter Punkt bezieht sich auf das Wetter, denn mein Aufenthalt dort wurde begrüßt, begleitet und verabschiedet von sehr dichtem Nebel…). Allein das Ausmaß der gesamten Kunstausstellung ist überwältigend: Will man sich den Giardini mit den Länderpavillons, die ein herrliches Retro- äh, Kolonialfeeling aufkommen lassen, und die Arsenale ansehen, sollte man sich pro Bereich einen Tag Zeit nehmen. Für die übrigen, in der Stadt verstreuten Lokalitäten kann man getrost einen dritten Tag einplanen. Damit Kunst selbst in diesem Artikel nicht zu kurz kommt, möchte ich mich abschließend einem meiner Favoriten widmen.

Quelle: YouTube

„Never Say Goodbye“, zu der die Arbeit „Farewell, Spring and Autumn Pavilions“ gehört, wurde vom taiwanesischen Künstler Wu Tien-chang im Palazzo delle Prigioni präsentiert. Die Videoinstallation wirkt in jeder Hinsicht absurd und trotzdem verliert sie dadurch nicht an Substanz. Das romantisierte, fetischisierte Abbild eines jungen Matrosen (er trägt wohlbemerkt einen Matrosenanzug aus weißem Latex), ist in einen kitschigen, blinkenden Rahmen gesetzt und wird von ebensolcher Musik begleitet. Der Matrose bleibt jedoch kein Matrose, der träumend durch seine Heimat geht. Als Soldat wird er sein Land verlassen und vielleicht nicht wiederkehren. Wu Tien-chang erzählt hier wortwörtlich in Bildern, an denen wir hängen bleiben. Nicht, weil uns der Kern, seine Botschaft trifft, sondern weil diese Bilder aus Fragmenten zusammengesetzt sind, welche selbst in Bildern sprechen. Die Metaphorik verlinkt uns erst zu den Aussagen seines Werks, das sich unter anderem mit dem taiwanesischen Verständnis von Leben und Tod und im weiteren Sinne auch mit der Globalisierung befasst.

„People say that art is subjective but to me, art is objective. It’s precise. That’s why I advocate a ‘seamless seam’. There is a seam between two things in opposition. (…) I think that localization is not opposed to globalization. There is a seam between them. The ‘seamless seam’ is to be accomplished by outstanding artists.”

Wu Tien-chang, Quelle: YouTube

2 Kommentare

  1. „Beleuchten wir stattdessen den wahren, perfiden Gegner der Kunst: den Kunstmarkt!“
    Ich schließe mich dem ‚Danke‘ an und ganz besonders für diesen Satz!
    Herzlich,
    Sabine

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